21. Mai 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Weinberg / Gidon Kremer

Weinberg / Gidon Kremer

Das im editorisch bestens betreuten Booklet abgedruckte Statement von Gidon Kremer macht unmissverständlich klar, dass es sich bei diesem Album um eine sehr persönliche Angelegenheit des Interpreten handelt. Denn Kremer transkribierte die 1968 entstandenen, mit der symbolträchtigen Opuszahl «100» versehenen 24 Präludien für seine Violine. Ursprünglich für Violoncello geschrieben und Mstislaw Rostropowitsch gewidmet (der das Werk allerdings nie aufführte), handelt es sich um ein ausdrucksstarkes Kompendium, das sich nahtlos in die Reihe vergleichbarer Werke der Vergangenheit einreiht. Unbestreitbar berückt die Aufnahme aus dem Jahre 2017, und sie vermittelt auch ein

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Weinberg / Amadeus Chamber Orchestra

Weinberg / Amadeus Chamber Orchestra

Manchmal lohnt der Blick auf den schmalen Rücken eines Digipacks. Dort trifft man nämlich beim vorliegenden Album überraschenderweise auf den Begriff «Chamber Music» – eine Bezeichnung, die angesichts der eingespielten drei Werke in bemerkenswerter Weise missverständlich ist. So geht zwar die Kammersinfonie Nr. 1 auf das Streichquartett op. 3 zurück, fasst aber mit der veränderten Besetzungsgröße die Faktur vollkommen anders auf. Grundsätzlich Ähnliches gilt auch für die Kammersinfonie Nr. 3 (1991), eine der letzten vollendeten Kompositionen Weinbergs, die sich umgekehrt wiederum als Streichquartett denken ließe (und damit sicherlich noch mehr

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Arcadia Quartet

Weinberg / Arcadia Quartet

Mieczysław Weinberg (1919–1996) und seine herausragende Musik mussten in den beiden letzten Jahrzehnten erst (wieder)entdeckt werden. Dies gilt für alle Gattungen gleichermaßen – von der Oper über die Sinfonie bis hin zur Kammermusik, selbst für das Streichquartett. Auch wenn inzwischen zahlreiche Einspielungen vorliegen, so finden sich seine Kompositionen kaum regelmäßig auf den Programmen etablierter Häuser, Orchester, Ensembles oder Solisten (nur wenige ausgenommen) – vermutlich wird Weinberg sogar noch immer als «Geheimtipp» gehandelt. Ein wenig zeugt davon auch das sympathische Statement des Arcadia Quartets im Booklet dieses Albums, aus dem sowohl

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Kammerorchester Pforzheim

Kammerorchester Pforzheim

Sympathisch. Das Label cpo verfolgt konsequent seine Serie British Music for Strings auch in der dritten Folge mit einem Understatement, das man heutzutage eher suchen muss. Schon die ersten beiden Alben nannten die Komponisten auch mit Vornamen, so dass es ganz natürlich anmutet, wenn nun auch die berücksichtigten Komponistinnen vollständig genannt werden. Ein zusätzlicher Hinweis auf diese «Women Composers» hätte sich eigentlich damit erübrigt: eine unaufgeregte, ungezwungene Gleichberechtigung, die nichts werbewirksam nach vorne spült oder gar im Sinne einer political correctness akzentuiert – wäre da nicht das Backcover. Warum dort

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Sinfonia of London

Sinfonia of London

Vier Mal «B» wie «British» – und doch trägt das Album den Titel «English Music for Strings». Erklären lässt sich das wohl nur mit Blick in den Katalog lieferbarer Produktionen, denn der naheliegende Titel war bereits durch ein anderes Label besetzt (oder man wollte es auf der Insel wirklich sehr genau nehmen). In der Zusammenstellung der eingespielten Werke steckt allerdings nicht nur ein alphabetischer Witz, sondern ein Stück wahrer Musikgeschichte: Die drei Kompositionen von Bliss, Britten und Berkeley entstanden in enger zeitlicher Folge während der zweiten Hälfte der 1930er Jahre

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Camerata Atlântica

Camerata Atlântica

Portugiesische Musik ist noch immer eine nahezu unbekannte Größe im Konzert der europäischen Nationen. Insofern ist ein Album mehr als willkommen – zumal hier gleich drei Werke (und eine Bearbeitung) das Spektrum erweitern. Im Mittelpunkt stehen dabei Partituren von Sérgio Azevedo (geb. 1968), die eine ganz unterschiedlicher Sprache sprechen: eine (neo)klassizistische Sinfonietta, die sich gefällig ins Repertoire einordnet, und eine Music for Strings, die ihren Untertitel in memoriam Béla Bartók musikalisch deutlich belegt mit der Satzbezeichnung «Mesto», einer Meta-Fuge über den ersten Satz der Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta

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Florence Price / Nézet-Séguin

Florence Price / Nézet-Séguin

Man darf immer wieder einmal überrascht sein, was sich die Repertoire-Strategen bei der Deutschen Grammophon ausdenken. Schon früher gab es einige Überraschungen im Katalog, so etwa Allan Petterssons 8. Sinfonie mit dem Baltimore Symphony Orchestra und Sergiu Comissiona – schon im Jahre 1980 kein Chartbreaker. Auch heute darf man sich wieder verwundert die Augen reiben, dass es Florence Price (1887–1953) und zwei ihrer Sinfonien auf das legendäre Gelb-Label geschafft haben. Doch die Situation ist jetzt anders; noch vor gar nicht so langer Zeit hätte diese Kombination nicht «gepasst». Nun aber

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Debussy / Schönberg

Debussy / Schönberg

Der Ring wurde schon mehrfach sinfonisch mit großem Erfolg gedeutet. Nun ist Claude Debussys Oper Pelléas et Mélisande an der Reihe. Nicht dass es bisher an anderen großformatigen Orchesterpartituren des französischen Impressionisten gefehlt hätte. Doch warum nicht den Blick auf die vollkommen durchgearbeitete Komposition mit all ihren Farben, Linien und Harmonien lenken – ganz «ohne Worte»? Tatsächlich ist es Jonathan Nott gelungen, aus den fünf Akten eine in sich stimmige, flüssig fortschreitende sinfonische Erzählung mit einer Spielzeit von ca. 47 Minuten zu formen, bei der auch viele Details sichtbar und

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Americaspaces / Robert Trevino

Americaspaces / Robert Trevino

Da hat das Land im Selbstverständnis und dem Sagen nach unbegrenzte Möglichkeiten – und doch kommt eine hoch interessante Einspielung mit «echter» Musik aus den Vereinigten Staaten ausgerechnet aus der «Alten Welt». Nun ließe sich trefflich über lange und kurze Ohren (Mozart) sinnieren; am Ende bleibt allein die Frage, welcher Klangkörper dieses vermeintliche Repertoire-Risiko eingeht und welches Label mitzieht. In diesem Fall waren es das erstaunlich jung besetzte Baskische Nationalorchester unter der Leitung von Robert Trevino (der offenbar auch für die Werkauswahl verantwortlich zeichnet) und das finnische Label Ondine, in

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American Sonatas

American Sonatas

Alle mögen gerade auf dem Cover eines Albums ein griffiges Motto. Und weil das schon länger so ist, kommt es irgendwann zu mehr oder weniger beabsichtigten Dopplungen. Im Bereich der poetischen Titel dürfte es besonders problematisch werden, verstecken sich doch hinter diesen meist vom Repertoire her bunt gemixte Konzeptalben. Was aber, wenn das Motto den Inhalt selbst aufgreift und die Produktion damit verwechselbar wird? Der Titel American Sonatas (gemeint sind Stücke von Komponisten aus den Vereinigten Staaten) findet sich auch auf anderen CDs, und gelegentlich gar mit identischen Werken. Im

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American Quintets

American Quintets

Ganz unprätentiös kommt dieses Album daher. Denn hier werden die Namen der beiden Komponistinnen nicht gesondert hervorgehoben; zudem kommt das Cover ohne den Hinweis aus, dass es sich im Fall des Klavierquintetts der auf dem Plattenmarkt gerade hoch im Kurs stehenden Florence Price um eine echte Ersteinspielung handelt. Auf solche Ankündigungen hat man beim englischen Label Chandos ohnehin schon immer verzichtet, sondern viel eher mit guten, sehr guten oder gar herausragenden Produktionen gepunktet – interpretatorisch wie aufnahmetechnisch. Auch in diesem Fall kommen Kenner wie Liebhaber auf ihre Kosten. Akustisch ist

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American Pioneers

American Pioneers

Manchen wird etwas unwohl, wenn das Adjektiv «american» nicht geographisch korrekt den großen Doppelkontinent meint, sondern nur die Vereinigten Staaten und deren «way of life». Natürlich gibt es in nahezu allen Bereichen des Lebens populäre Verallgemeinerungen; dass sie sich aber auch auf seriösen Covern und im eingespielten Repertoire niederschlagen, überrascht dann doch. Die ohnehin ungenaue, oftmals allzu leichtfertig hingeworfene Begrifflichkeit verweist auf eine kulturelle Vormachtstellung, die zwar faktisch existent ist (zumal durch verschiedene musikalische Institutionen), zugleich aber vieles ausklammert oder gar ausgrenzt. Ob die auf diesem mit «American Pioneers» überschriebenen

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