18. Juli 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Vivaldi. Jahrezeiten / Stefan Plewniak

Vivaldi. Jahrezeiten / Stefan Plewniak

Wohl zu keiner anderen Komposition lassen sich Giuseppe Arcimboldos unverwechselbare Fruchtstücke und «teste composte» (zusammengesetzte Köpfe) besser denken, als zu den Jahreszeiten von Antonio Vivaldi, wenngleich mehr als 150 Jahre und eine ganze Epoche zwischen Bild und Musik liegen. Bei diesem Album wurde der farbenfrohe Sommer (1563) für das Cover gewählt – auch er ist Teil eines Zyklus durch die vier Jahreszeiten. Oft genug gehört, stellen freilich Vivaldis charakteristische Concerti immer wieder die Frage, ob man sie wirklich neu oder einfach nur etwas anders interpretieren kann. Die Antwort lautet in

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Heinrich Alberts Kürbishütte / Hathor Consort

Heinrich Alberts Kürbishütte / Hathor Consort

Eine Kürbishütte in Königsberg. Sie war Fluchtort für Dichter (und komponierende Musiker), die das Glück hatten, im ostpreußischen Königsberg nur indirekt von den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges betroffen zu sein. Und dennoch: Selbst in großer Entfernung hatten die zu jener Zeit kämpfenden oder marodierenden Truppen einen Einfluss auf das Denken in Verlusten und das Gefühl der Vanitas insgesamt. Selbst der von Heinrich Albert (1604–1651) auf einem ihm von der Stadt geschenkten Grundstück vor den Toren der Stadt an der Pregel angelegte Garten mit seiner für einen ganzen Kreis von Dichtern

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Bach Triosonaten / Martin Neu

Bach Triosonaten / Martin Neu

Auch wenn diese Stücke «Triosonaten» heißen und einen dreistimmigen Satz aufweisen, so bedeutet das nicht, dass auch drei Musiker:innen am Werk sind. Der von Arcangelo Corelli etablierte Satztyp findet in den von Johann Sebastian Bach vollzogenen Transformation auf der Orgel einen ganz eigenen Höhepunkt. Hier bewahren die obligat geführten Stimmen in einem kunstvollen Geflecht ihre Eigenständigkeit – ein Geflecht, das auch mit vollständiger Unabhängigkeit von Händen und Füßen abgebildet werden muss. Dabei hat Bach jedem Satz einen individuellen Charakter und Affekte vom festlichen Konzertieren bis zum tiefen Nachsinnen eingeschrieben; die

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Garlic & Onions / The Playfords

Garlic & Onions / The Playfords

Eine Produktion, bei der man einen Blick in die Küche wagt: Dort finden sich brodelnde Töpfe auf dem Herd, zahlreiche vorbereitete Speisen, deftige Zutaten im Vorrat und vor allem (trotz der harten Arbeit) eine spürbare Lust am Leben und am guten Geschmack – ganz allgemein und hier besonders. So oder ähnlich dürfte das Rezept lauten, das vom Ensemble The Playfords diesem Album zugrunde gelegt wurde. Während es klingt und singt, hört man es geradezu brutzeln. Es ist eine Zusammenstellung von herben Balladen und nachsinnenden Grounds der britischen Renaissance und des

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Bach. Violinsonaten / Kaakinen-Pilch

Bach. Violinsonaten / Kaakinen-Pilch

So reif wie das Obst auf dem als Cover abgebildeten Fruchtstück von Jan van Huysum (1682–1749) sind auch die sechs Sonaten für Violine und obligates Cembalo BWV 1014–1019 von Johann Sebastian Bach. Entstanden während seiner Zeit als Hofkapellmeister in Köthen, handelt es sich wohl nicht nur um die ersten Werke dieser Art, sondern bereits um einen ersten Gipfel des erst später Gestalt annehmenden Repertoires. Bach zeigt sich dabei nicht nur in der Anlage und Faktur der Kompositionen als in die Zukunft blickender Innovator, sondern mehr noch im Bereich des Ausdrucks.

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Berlin Harpsichord Concertos / Philippe Grisvard

Berlin Harpsichord Concertos / Philippe Grisvard

Dieses Album des Ensembles Diderot öffnet wieder einmal eine Schatztruhe – und es könnten wohl noch weitere folgen. Denn der Cembalo-Solist Philippe Grisvard gesteht im Booklet, dass die vier eingespielten Werke am Ende eines langen, von Kopfzerbrechen und schwierigen Entscheidungen begleiteten Weges stehen. Es ist tatsächlich ein gewisses Wagnis, in einer Folge von «Berliner Cembalokonzerten» keine einzige Komposition von CPE Bach zu berücksichtigen. Und dennoch kann man aus vollem Herzen sagen: Alles richtig gemacht. Denn auch die Werke von Christoph Nichelmann (1717–1762), Carl Heinrich Graun (1704/05–1759), Christoph Schaffrath (1710–1763) und

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Bach.Berlin Fundstücke / Schäfer & Hollmann

Bach.Berlin Fundstücke / Schäfer & Hollmann

Dieses Album blickt tief in die musikalische Bach-Rezeption des ausgehenden 18. Jahrhunderts und weit darüber hinaus. Im Fokus stehen dabei drei der fünf Töchter des Berliner Bankiers und Hoffaktors Daniel Itzig, die alle eher unter ihren durch Heirat angenommenen Namen bekannt sind: Fanny von Arnstein (1757–1818), Zippora Wulff (1760–1836) und Sara Levy (1761–1854). Sie alle erlernten das Spiel auf dem Cembalo vermutlich bei Johann Philipp Kirnberger und Wilhelm Friedemann Bach. Teilweise konzertierten sie gemeinsam, später unterhielten sie in Wien (Fanny, Zippora) bzw. in Berlin (Sara) bedeutende musikalisch-literarische Salons – und

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The Berlin Album / Ensemble Diderot

The Berlin Album / Ensemble Diderot

Dresden, Paris, London – und nun Berlin. Seit einiger Zeit schreitet das Ensemble Diderot die großen Zentren der Musik des 18. Jahrhunderts mit Blick auf das lokale Triosonaten-Repertoire ab. Auf diesem Album geht es tatsächlich an die Spree, während Potsdam ja bekanntlich an der Havel liegt; deshalb fehlen bei den eingespielten Werken so prominente Namen wie CPE Bach und JJ Quantz (sowie Friedrich II). Und dennoch ist man mit Georg Anton Benda, Johann Gottlieb Graun, Johann Gottlieb Janitsch dem Hof sehr nah. Freilich gilt es zwischen der prachtvollen Residenz und

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The Oboe in Berlin / Xenia Löffler

The Oboe in Berlin / Xenia Löffler

Berlin geht immer – auch musikalisch. In diesem Fall sind es vor allem Sonaten, die im Umkreis von Friedrich II. entstanden, der schon als Kronprinz in Ruppin und Rheinsberg eine sehr feine Schar von Musikern um sich versammelte und später in Potsdam und Berlin gar eine 40-köpfige Hofkapelle unterhielt. Im Mittelpunkt des Albums steht die Oboe – genauer: die sogenannte Barockoboe, die im Gegensatz zu der späteren Bauform mit weniger Klappen auskommt und einen kräftigen, charakteristischen und besonders ausdrucksstarken Ton aufweist. Eingespielt wurden Werke von Komponisten und Musikern, die im

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Johann Sebastian Bach / Robert King

Johann Sebastian Bach / Robert King

Bach hat viel bearbeitet und sich auch das ein oder andere Werk anderer Komponisten für das Cembalo oder die Orgel transkribiert und eingerichtet. Auf diese Weise konnte er sich in Weimar das moderne italienische Concerto in kürzester Zeit geradezu «erarbeiten». Doch umgekehrt haben auch Bachs Orgelwerke Bearbeitungen erfahren – für Klavier (Busoni) oder Orchester (Schönberg und Stokowski). Ein wenig komplizierter wird es mit den 1727 in Leipzig niedergeschriebenen sechs Triosonaten BWV 525–530. Sie sind für Orgel überliefert, doch gibt es Anzeichen, dass sie (zumindest teilweise) kammermusikalischen Ursprungs sein könnten. Mit

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Quartette / Quatuor Avium

Quartette / Quatuor Avium

Man muss zweimal hinschauen, ist zunächst verwundert – und erinnert sich dann an das vermeintlich «falsch» besetzte Streichquartett von Anton Arensky (dort mit zwei Violoncelli). Das 2018 gegründete und in Karlsruhe beheimatete Quatuor Avium geht nochmals einen anderen Weg: In diesem Ensemble wird die Viola verdoppelt – und sogleich erlangt das vielfach durch die erste Violine brillant geführte Streichquartett in dieser überraschenden Besetzung einen viel wärmeren, geschmeidigeren Ton Die Betonung der Mittellage überzeugt hier in famoser Weise – zumal mit Kompositionen, die explizit für diese Kombination der vier Streicher geschrieben

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La Femme / Flaka Goranci

La Femme / Flaka Goranci

Ein Konzeptalbum, das mit knapp 77 Minuten Spielzeit viel Musik in sich hat –Musik von Komponistinnen verschiedener Jahrhunderte, Musik aber auch, die sich mitunter kaum greifen lässt, sondern irgendwo zwischen Orient und Okzident, zwischen unterschiedlichen Wurzeln und Kulturen, zwischen to¬naler Geschmeidigkeit und kantabler Melancholie gelegentlich in einem «easy listening» zerfließt oder untereinander kaum kommuniziert. Es ist ein Album, das die Idee des Crossover ernst nimmt und zu einer Reise in den Südosten Europas und darüber hinaus einlädt, deren Stationen aber seltsam nebulös bleiben und allein durch einen spürbar musikantischen Impetus

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