21. April 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Weinberg / Aneta Majerová

Weinberg / Aneta Majerová

Nachdem schon seit geraumer Zeit die Musik von Mieczysław Weinberg (1919–1996) wiederentdeckt wird, haben nun auch seine Notenbücher für Kinder erneute Aufmerksamkeit erfahren. Bereits 2011 erschien beim Label cpo eine Gesamteinspielung mit Elisaveta Blumina; hier nun ist es Aneta Majerová, die an nur einem Tag alle 23 Stücke aufgenommen hat. Die Produktion denkt dabei die Werke akustisch durchaus vom Titel her, stellt sie nicht in den Konzertsaal, sondern in ein Studio mit eher direkter Mikrophonaufstellung und sattem, trockenen Klang. Das bekommt der Musik und ihrer Doppelbödigkeit gut, es macht sie

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Klavier für Kinder / Corinna Simon

Klavier für Kinder / Corinna Simon

Bei dem Thema Musik für Kinder kommt man an diesem Album aus dem Jahr 2019 zunächst einmal nicht vorbei. Es präsentiert in knapp 132 Minuten eine von der Pianistin Corinna Simon kuratierte (und interpretierte) Auswahl – nicht nur an Komponisten und Sammlungen, sondern auch einzelne Stücke aus derlei mehr oder weniger zusammenhängenden Folgen. Und doch: Was ist das überhaupt für ein Repertoire «für Kinder», das hier eingespielt wurde? Die definitorische Schwierigkeit lässt ich schon an Robert Schumanns Kinderszenen op. 15 und dem Album für die Jugend op. 68 (in zwei

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Gruppo Montebello

Gruppo Montebello

Schon lange sind jene Bearbeitungen kein Geheimtipp mehr, die zwischen 1918 und 1921 für die halböffentlichen Konzerte des von Arnold Schönberg gegründeten Vereins für musikalische Privataufführungen angefertigt wurden. Dort hatte man sich unter Ausschluss der meist lauthals aufschreienden Kritik zusammengefunden, um ohne ästhetische Polemik oder auch politische Ressentiments allein die Musik sprechen zu lassen. Die Regeln waren klar gesetzt: bestmögliche Interpretation durch gründliche Probenarbeit, inhaltlich engagierte Musiker:innen, wiederholte Aufführungen zum besseren Verständnis, das Verbot jeglicher Meinungsäußerungen. Gespielt wurden zunächst bis zu achthändige Klavierauszüge; bald kam indes die Erweiterung zum Kammerensemble,

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Boulanger Trio

Boulanger Trio

Mit Cover und Artwork ist das Label weit über das Ende der Landebahn hinausgeschossen (um einmal im «Bild» zu bleiben). Während sich mancherorts Menschen an reale Kunstwerke heften, um das Klima zu retten, haben die Damen des Trio Boulanger die Parkposition erreicht. Mit dem schönen Titel «Wanderlust» vermag ich jedenfalls keine Turboprop-Maschine zu verbinden (in diesem Fall wohl sogar eine oft für Privatflüge verwendete Dornier 328-100). Dass man es mit dem Motiv ernst meint, zeigen im Booklet zwei weitere im Tageslauf aufgenommene Fotos. Doch auch bei der abgedruckten Trackliste zeigt

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Ares Trio

Ares Trio

Auch das 2019 in Düsseldorf gegründeten Ares Trio wurde durch die viele Monate währende Konzertpause in seinen Ambitionen ausgebremst: kaum begonnen und schon in eine monatelange Generalpause versetzt. Es mag nur wenige Ensembles geben, auf die daher die Förderung durch Neustart Kultur so wörtlich zutrifft. Herausgekommen ist am Ende (wie so oft) ein Album, das den aktuellen Stand der individuellen Technik, des gemeinsamen Zusammenspiels und des interpretatorischen Ansatzes dokumentiert. Ausgewählt wurden dafür zwei Werke aus dem reichen Klaviertrio-Repertoire der einstigen Sowjetunion: das gar nicht so unbekannte Klaviertrio f-Moll (1952) von

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Maria Stange / Solo

Maria Stange / Solo

Die Einspielung ist so direkt in der Abbildung des Tons, dass man unversehens eine ganze Menge über das Instrument, die zahlreichen Varianten der Zupfens und die damit verbundenen Klangfarben lernt. Fast könnte man von einer enzyklopädischen Schau sprechen, hört man unter dieser Perspektive etwa die herausragende frühromantische Fantasie von Louis Spohr, an der auch das Jahr der Entstehung (1807) verblüfft, das à l’espagnole aus den zwei Divertissements (1924) von André Caplet, oder auch die Scintillation von Carlos Salzedo – ein Werk, das wegen seiner extremen aufführungspraktischen Herausforderungen unter Harfenistinnen und

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Julia Wacker / Widmung

Julia Wacker / Widmung

Dieses Album bleibt seinem Konzept von der ersten bis zur letzten Note treu. Was auf dem Titel zunächst recht beliebig anmutet, entpuppt sich rasch als eine keinesfalls mit leichter Hand gestrickte Folge leichtgängiger Raritäten – ganz im Gegenteil handelt es sich um eine durchdachte Dramaturgie. Und wer genauer hinsieht (und bitte, es lohnt sich!), wird ein großes Vergnügen daran haben, was Julia Wacker hier eingespielt hat. Alle versammelten Kompositionen vereint die Zueignung an herausragende Solisten, die teilweise den Komponisten spieltechnisch beratend zur Seite standen oder zumindest ihre Interpretation zu diskutieren

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Xavier de Maistre

Xavier de Maistre

Er gehört zu den wenigen Meistern der Harfe, die auch als Solist auf eine große internationale Karriere blicken können. Neben technischer Brillanz und musikalischem Vermögen gehört dazu am Ende auch ein gutes Stück Fortune und der anhaltende Zuspruch des Auditoriums. Tatsächlich verstehen es Xavier de Maistre und sein Label Sony auf erstaunliche Weise, es fortwährend «köcheln» zu lassen. Neben den Solo-Auftritten gehört dazu auch die permanente mediale Präsenz mit neuen Alben – in diesem Fall eine CD mit den beiden Standard-Werken von Reinhold Glière (1874–1956) und Alexander Mossolow (1900–1973), einem

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Amy Beach

Amy Beach

Bereits das Cover ist mir höchst sympathisch. Denn was kann es Schöneres geben, als die Sommerfrische auf dem Meer zu genießen? In diesem Fall war es Julius LeBlanc Stewart, der 1890 mit dem Gemälde On the Yacht ›Namouna‹ eine Szene des ausgehenden 19. Jahrhunderts festhielt. Das luxuriöse Schiff (mit Tiffany-Ausstattung und einem Hybrid-Antrieb im «verkehrten» Sinn) war eine dreimastige hochseetaugliche Dampfyacht und gehörte für fast zwei Jahrzehnte James Gordon Bennett jun., dem Verleger des New York Herald. Bennett agierte (aus privaten Gründen) von Europa aus – und damit ist wenigstens

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Tournament for Twenty Fingers

Tournament for Twenty Fingers

Ein Album, das die ästhetische Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts ganz unprätentiös vierhändig auf einem oder zwei Flügeln dokumentiert. Denn wo einst andernorts radikale Avantgardismen proklamiert wurden, gab es (zumal in Großbritannien) Komponisten, die die Brücken in die Vergangenheit nicht einrissen, sondern über diese mit gutem Gepäck und sehenden Auges in die Zukunft gingen. Dass etwa Lennox Berkeley (1903–1989) noch 1954 eine Sonatina in Es-Dur komponierte, mag ebenso erstaunen wie die Selbstverständlichkeit, mit der er seine angeblichen, vermeintlichen oder auch nur sehr eigenwillig gesetzten «seriellen» Variationen über ein eigenes Thema (1968)

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Florence Price

Florence Price

Noch bevor das legendäre «Gelb-Label» auf die Musik von Florence Price (1887–1953) aufmerksam wurde (vgl. dazu die Hörbar #051), hatte Naxos schon längst die sinfonischen Partituren dieser über viele Jahrzehnte hinweg viel zu wenig beachteten nordamerikanischen Komponistin auf dem Schirm. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Die angebliche «Spurensuche» des Philadelphia Orchestra und von Yannick Nézet-Séguin (Deutsche Grammophon, 2021) war vor einigen Monaten gut platziert, führte allerdings kaum zu einem befriedigenden Hör-Erlebnis: zu glatt, zu schön, zu wenig Individualität. Und ob zudem noch eine das Repertoire fördernde Fortsetzung folgt,

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Jazz & Variety

Jazz & Variety

Sowohl der Titel des Albums als auch die Überschrift des einführenden Essays treffen nur bedingt die eingespielte Musik: Jazz & Variety bezieht sich (und dies allenfalls im weitesten Sinne) nur auf einen Teil der Werke, und die Introduktion (Schostakowitschs unbekümmerte Seite) spiegelt eher eine gängige Rezeptionshaltung gegenüber den hier versammelten Nummern und Werken: einer Jazz-Suite (wobei in der Sowjetunion der Begriff «Jazz» anders gefasst wurde), einer Suite für Variété-Orchester (das dann aber doch groß besetzt ist) sowie zwei Suiten aus Filmmusiken mit durchaus ernsten Seiten (Das goldene Zeitalter und Der

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