16. Mai 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Weinberg / Gidon Kremer

Weinberg / Gidon Kremer

Das im editorisch bestens betreuten Booklet abgedruckte Statement von Gidon Kremer macht unmissverständlich klar, dass es sich bei diesem Album um eine sehr persönliche Angelegenheit des Interpreten handelt. Denn Kremer transkribierte die 1968 entstandenen, mit der symbolträchtigen Opuszahl «100» versehenen 24 Präludien für seine Violine. Ursprünglich für Violoncello geschrieben und Mstislaw Rostropowitsch gewidmet (der das Werk allerdings nie aufführte), handelt es sich um ein ausdrucksstarkes Kompendium, das sich nahtlos in die Reihe vergleichbarer Werke der Vergangenheit einreiht. Unbestreitbar berückt die Aufnahme aus dem Jahre 2017, und sie vermittelt auch ein

Teil 3 von 3 in Michael Kubes HörBar #058 – Weinberg
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Weinberg / Amadeus Chamber Orchestra

Weinberg / Amadeus Chamber Orchestra

Manchmal lohnt der Blick auf den schmalen Rücken eines Digipacks. Dort trifft man nämlich beim vorliegenden Album überraschenderweise auf den Begriff «Chamber Music» – eine Bezeichnung, die angesichts der eingespielten drei Werke in bemerkenswerter Weise missverständlich ist. So geht zwar die Kammersinfonie Nr. 1 auf das Streichquartett op. 3 zurück, fasst aber mit der veränderten Besetzungsgröße die Faktur vollkommen anders auf. Grundsätzlich Ähnliches gilt auch für die Kammersinfonie Nr. 3 (1991), eine der letzten vollendeten Kompositionen Weinbergs, die sich umgekehrt wiederum als Streichquartett denken ließe (und damit sicherlich noch mehr

Teil 2 von 3 in Michael Kubes HörBar #058 – Weinberg
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Arcadia Quartet

Weinberg / Arcadia Quartet

Mieczysław Weinberg (1919–1996) und seine herausragende Musik mussten in den beiden letzten Jahrzehnten erst (wieder)entdeckt werden. Dies gilt für alle Gattungen gleichermaßen – von der Oper über die Sinfonie bis hin zur Kammermusik, selbst für das Streichquartett. Auch wenn inzwischen zahlreiche Einspielungen vorliegen, so finden sich seine Kompositionen kaum regelmäßig auf den Programmen etablierter Häuser, Orchester, Ensembles oder Solisten (nur wenige ausgenommen) – vermutlich wird Weinberg sogar noch immer als «Geheimtipp» gehandelt. Ein wenig zeugt davon auch das sympathische Statement des Arcadia Quartets im Booklet dieses Albums, aus dem sowohl

Teil 1 von 3 in Michael Kubes HörBar #058 – Weinberg
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Beethoven 6–9 / Savall

Beethoven 6–9 / Savall

Immer noch – oder schon wieder? Angesichts einer weiteren Einspielung der Sinfonien von Ludwig van Beethoven darf man sich diese Frage schon stellen. Was gibt nicht alles der Plattenschrank an Aufnahmen her, was lässt sich nicht darüber hinaus an unzähligen Produktionen im Streaming finden (mit dem auf Werkdaten basierenden Katalog bei idagio.com noch immer am leichtesten anzusteuern und aufzurufen). Und Jordi Savall gehört sicherlich nicht zu den Dirigenten, die einem bei diesen Dauerbrennern des Repertoires sofort einfallen. Hat hier die nun schon über 80 Lenze zählende Ikone der historischen Aufführungspraxis

Teil 1 von 4 in Michael Kubes HörBar #057 – Sinfonisches
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Bruckner 7 / Roth

Bruckner 7 / Roth

Wer das Gürzenich-Orchester mit seinem Chefdirigenten François-Xavier Roth schon einmal live in der Kölner Philharmonie gehört hat, wird vermutlich davon berichten, wie auf dem Podium bei nahezu jeder Partitur eine ganz eigene, ungezwungen Symbiose zwischen Dirigent und Klangkörper entsteht, die das einem antiken Amphitheater nachempfundene Halbrund des großartigen Saals bis aus den letzten Platz zum Schwingen bringt. Der wiedererkennbare kompakte, warme und doch so wunderbar durchhörbare Sound des Orchesters, seine Fähigkeit ihn auch in feinsten dynamischen Abstufungen zu entwickeln, ist eine der tragenden Säulen dieses sensationellen Livemitschnitts von Anton Bruckners

Teil 1 von 4 in Michael Kubes HörBar #057 – Sinfonisches
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Anders Eliasson

Anders Eliasson

Seit seinem Tod vor nunmehr zehn Jahren ist es um Anders Eliasson (1947–2013) und seine Musik still geworden. Offensichtlich hat ihn das fragwürdige Schicksal vieler zeitgenössischer Komponisten erreicht: Um «sichtbar» zu sein, muss in der Regel fortwährend die Werbetrommel gerührt und das Interesse mit immer neuen Werken wach gehalten werden. Posthum das Œuvre präsent zu bewahren, ist nahezu unmöglich – und so bedarf es immer einer besonderen Initiative, wieder etwas hervorzuholen und vielfach überhaupt publik zu halten. Auch bei diesem Album, das nach fünf (!) Jahren wieder Aufmerksamkeit für Werke

Teil 1 von 4 in Michael Kubes HörBar #057 – Sinfonisches
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Haydn / Giovanni Antonini

Haydn / Giovanni Antonini

Frisch und frech geht es in die nun schon elfte Runde der sich kontinuierlich erweiternden Gesamteinspielung der Sinfonien Joseph Haydns. Bis 2032 sollen dann alle Werke vorliegen, dazu noch die eine oder andere instruktive Ergänzung aus anderen Gattungen oder von zeitgenössischen Komponisten, auf die sich Haydn bezog, oder die sich auf Haydn bezogen. Und wer zunächst etwas skeptisch auf den bis dahin stehenden Editionsplan blickte, der dürfte sich inzwischen schon die Augen gerieben haben. Ja, solch’ große und langfristig angelegten Projekte sind auch im fortschreitenden 21. Jahrhundert möglich – und

Teil 1 von 4 in Michael Kubes HörBar #057 – Sinfonisches
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Accademia Strumentale Italiana

Accademia Strumentale Italiana

Über die Abfolge der einzelnen Nummern innerhalb der Kunst der Fuge ist viel geschrieben und spekuliert worden. Während aber die meisten Einspielungen dem Erstdruck bzw. den danach sich richtenden modernen Ausgaben folgen, greift die Accademia Strumentale Italiana auf das mit drei späteren Beilagen angereicherte Autograph zurück, das Bach zwischen 1745 und 1748 angefertigt hat (die Nachträge sind von ca. 1749). Diese aufführungspraktische «Abweichung» von der Konvention drückt sich auch auf dem Cover aus – und man reibt sich erstaunt die Augen, dass dort im Untertitel wirklich die ordentliche Berliner Bibliothekssignatur

Teil 5 von 5 in Michael Kubes HörBar #056 – Kunst der Fuge
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Daniil Trifonov

Daniil Trifonov

Um den Titel dieses Doppelalbums zu verstehen, empfiehlt sich die Lektüre des Booklets. Mit den unter dem Motto «The Art of Life» versammelten Sätzen und Kompositionen möchte Daniil Trifonov nämlich einen Zugang zum Menschen Johann Sebastian Bach finden, ihm und seiner Zeit näherkommen. Der zu lesende Text ist freilich einer jener Essays, die seit einigen Jahren Einzug in derartige «Konzeptalben» gehalten haben: Entweder reflektieren dabei die Musiker:innen selbst ihre subjektive Sichtweise oder lassen einen versierten Autor antreten, der in seinen Text reichlich O-Töne hineinwebt. Das kann gelingen, muss aber nicht.

Teil 4 von 5 in Michael Kubes HörBar #056 – Kunst der Fuge
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Filippo Gorini

Filippo Gorini

Virtuosität und Poesie zeichnen das Spiel von Filippo Gorini aus. So rollt bei ihm der Canon alla duodecima mächtig an, während der Contrapunctus XII geradezu introvertiert zelebriert wird. Es sind diese Gegensätze, die in allen Belangen für dieses Doppelalbum charakteristisch sind. Denn Filippo Gorini gestaltet die Faktur der Fugen pianistisch (und eben weniger als abstrakten Tonsatz), lässt manches im Legato, im Piano und Pedal verschwimmen und vergehen, greift anderes dann aber umso akzentuierter auf. Entstanden ist auf diese Weise eine sehr persönliche Sichtweise auf die Komposition als Ganzes. Mit einigen

Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #056 – Kunst der Fuge
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Les inAttendus

Les inAttendus

Diese Ensemble ist von seiner Besetzung her wirklich «unerwartet». Wie wohl eine Kunst der Fuge mit auf Akkordeon, Violine und Gambe klingen mag? Vor allem erstaunlich durchsichtig in der kontrapunktischen Faktur – und dennoch als ein in sich geschlossenes, homogenes Ganzes. In diesem Fall war die Idee zu dieser ungewöhnlichen «Deutung» bereits 2015 geboren, eingespielt wurde sie im Dezember 2019. Bedenkt man ferner, dass das Akkordeon in den beiden letzten Dekaden im Rahmen der «klassischen Musik» einen ungeheuren Aufschwung erlebt und sich vollauf etabliert hat, mögen nur Puristen mit den

Teil 2 von 5 in Michael Kubes HörBar #056 – Kunst der Fuge
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Eloïse Bella Kohn

Eloïse Bella Kohn

Große Werke fordern Konzentration. Und so ist es wohl auch kein Wunder, dass als Ergebnis von Lockdown und Konzertpause bei einigen Pianisten und Pianistinnen der Wunsch Realität wurde, sich grundsätzlich einmal mit Bachs «Opus summum», der Kunst der Fuge BWV 1080, gedanklich wie interpretatorisch auseinander zu setzen – einem Werk freilich voller Rätsel: angefangen bei der Frage der Abfolge der mit «Contrapunctus» überschriebenen Sätze und der ergänzenden Canones, endend mit dem Geheimnis um die Quadrupel-Fuge (zugespitzt formuliert: ob Bach sie doch schon vollendet hatte oder über ihr tragisch verschied). Aufführungspraktisch

Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #056 – Kunst der Fuge
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