20. September 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Dark Lux – Lux:NM

Gordon Kampe: DARK LUX – Lux:NM

Ein sinistres „Gesamtgruselwerk“ zwischen Elektronik und Instrumentalklang, das LUX:NM hier mit Autorin Sarah Trilsch, Elektronikfachkraft Jan Brauer und Gordon Kampe ausgeheckt hat, der hier mit hörbar guter Laune den kompositorischen Bösewicht mimt. Da gibt es dann in der Kampe-typischen Lust am Verbiegen und Verbeulen so manch chaotisch überdrehte Monstermusiken, abgründige Volksliedsimulationen, „komische Kadenzen“ oder „röchelnde Flüsterkantaten“, rücksichtslos kaputte Nachtmusiken oder Tarantellas, Gigues und Tangos, die auf Vulkanen tanzen. Manchmal treten auch Rameau und Gesualdo als musikalische Gespenster auf. Das Schöne an diesem „Hörstück“ in 22 abwechslungsreich düster-komischen Kapiteln ist aber

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Olga Neuwirth: Solo (Klangforum Wien)

Olga Neuwirth: Solo (Klangforum Wien)

In Olga Neuwirths Solostücken geht es weniger um halsbrecherische Demonstrationen unkonventioneller Spieltechniken als um Klangräume, wo Dinge aufeinandertreffen, die sich normalerweise nicht zwangsläufig begegnen, wo Disparates zu einer schrägen Poetik verschmilzt. Zum Beispiel eine Flöte und der Rhythmus einer Olivetti-Schreibmaschine („Magic flu-idity“, 2018) oder die elementaren Klanglichkeit eines Fagotts mit Tape-Interpolationen einer diffus verrauschten Folklore („Torsion“, 2003). Das kann in Neuwirths abgründigen Musik-Legierungen Züge des Unheimlichen annehmen wie im taufrischen „CoroAtion I: io son ferito ahimè“ (2020): eine ganz persönliche Corona-Reflexion, wo ein Sammelsurium an Perkussion in eine sphärische Sample-Klangwelt

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Enno Poppe: Filz (Ensemble Resonanz und Tabea Zimmermann)

Enno Poppe: Filz – Ensemble Resonanz

Stücke für Streicher stehen im Fokus der aktuellen Poppe-Veröffentlichung mit dem Ensemble Resonanz, wie gewohnt im Selbstdirigat eingespielt. Dass Streichinstrumente eine besondere Faszination auf den Komponisten ausüben, scheint naheliegend, sind Enno Poppes gleichsam ‚asiatische’ Artikulationspraktiken im differenzierten Einsatz von Mikrotonalität doch auf ständiges Schleifen der Tonhöhe aus. Das mit Tabea Zimmermann denkbar prominent besetzte „Filz“ für Viola und Kammerorchester (2013/14) klingt, als hätte man ein Bratschenkonzert in ein Säurebad geworfen. Zimmermanns perforierte Solopassagen lassen Anflüge elegischer Expressivität wie verätzt erscheinen. Faszinierend. Die rezitativischen Außensätze, bei denen das Orchester als sparsamer

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Stefan Prins: Augmented

Eine großzügige Präsentation der Arbeit von Stefan Prins bietet Kairos unter dem Titel „Augmented“. Schon angesichts der rekordverdächtigen 280 Minuten Material auf CD und DVD eine bezeichnende Überschrift. Das „Augmentieren“ ist aber vor allem ästhetisches Prinzip von Stefan Prins, der in intermedialen Kompositionen an der Erweiterung, Vergrößerung, und gleichzeitigen Verunklarung der Materialfelder und Darstellungsebenen arbeitet. Das Visuelle ist dabei ebenso entscheidend wie das Akustische und so durchdringen sich „leibhaftiges“ Bühnengeschehen und „immaterielle“ Avatare in vielschichtigen Mischungen aus Instrumentalklang, Elektronik und Video-Projektionen. Die oft unauflösbare Gleichzeitigkeit von virtuell und real, technischer

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Finnish Baroque Orchestra: Helsinki Window

Gerade Ensembles Alter Musik pflegen oft einen vergleichsweise entspann­ten Umgang mit zeitgenössischen Partituren. Das Finnish Baroque Orchestra vergibt regelmäßig Kompositionsaufträge und hat unter dem Titel „Helsinki Window“ seine zweite CD mit neuer Musik eingespielt. Neben den finnischen Komponisten Jukka Tiensuu und Perttu Haapanen mit ausgesprochen polystilistischen Stücken, die tänzerisch bis burlesk die raue Klanglichkeit der barocken Originalinstrumente auskosten, steht Sarah Nemtsov mit zwei Cembalokompositionen besonders im Fokus. „running, out of tune“ (2013) entwickelt aus den Reibungen zweier Cembali in temperierter und mitteltöniger Stimmung harmonisch und rhythmisch ganz ungewöhnliche Texturen. Vielleicht

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Giorgio Netti: Necessità d’Interrogare Il Cielo

Eine „Erkundung ohne Zweck“, der es im besten Fall gelänge „das Ohr zu transzendieren“, wünschte sich Giorgio Netti hinsichtlich „necessità d’interrogare il cielo“ (1996/99) und das ist mehr als nur ein frommer Wunsch geblieben. Netti entwickelte diese abendfüllende Saxophonexpedition in vier größeren Stationen, benannt nach Sentenzen aus den Chaldäischen Orakeln, in enger Zusammenarbeit mit Marcus Weiss. Nun gibt es eine Neueinspielung von Patrick Stadler, die in ihrer Intimität und Konzentration vom ersten bis zum letzten Takt fesselt. Nettis mikroskopische Klangerkundungen beruhen auf intensiver Mikrophonierung diffiziler Spieltechniken, die sich erstaunlich fern

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Edition DEGEM: Drop the Beat

Edition DEGEM: Drop the Beat

„Drop the Beat“ heißt die aktuelle Veröffentlichung der Edition DEGEM, bei der es dem Thema entsprechend deutlich „technoid“ zugeht. Eine chaotische Beat-Destruktion betreibt Marc Behrens in „Kupari Odradek Drug Party“, während Kai Niggemann in „The Pretty Blaze“ eine düster knarzende, aber durchaus tanzbare Rhythmus-Perle präsentiert. Eines der interessantesten Stücke hat Kirsten Reese beigesteuert: „Roaming“ basiert auf einem Film von Stefan Panhas, wo Schauspieler und Tänzer die Fehler in algorithmischen Bewegungsmustern von Avataren in analoge Körperlichkeit rückverwandeln. Eine Montage aus ekstatischen Loops mit harten Schnitten und scharfen Kontrasten ist die Folge.

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Eva Reiter: Noch sind wir ein Wort …

Eva Reiter: Noch sind wir ein Wort …

Eva Reiter ist ein Phänomen. An ihren angestammten Instrumenten (Blockflöte, Viola da Gamba) ist sie als Solistin regelmäßig in der alten Musik aktiv. Als Komponistin verbindet sie die Sphären instrumentaler, vokaler und elektronischer Klänge mit einer Energetik und Kompromisslosigkeit, wie es momentan nur Wenigen gelingt. „Noch sind wir ein Wort …“  ist eine elektrisierende Hybris für Kontrabass-Flöte, Kontrabass, Musiker-Chor und Elektronik, dessen wilde Interaktionen heftige Entladungen und Kollisionen bereithalten. Das Körperliche musikalischer Interaktion wird hier Unmittelbar und generiert unter reger Beteiligung des Klangforums Wien auch in den anderen Stücken unwirtlich zerklüftete

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Anna Korsun: Ulenflucht

Anna Korsun: Ulenflucht

Auch Anna Korsun ist in ihrem Portrait bei der Edition Zeitgenössische Musik mit unerschöpflicher Erfindungsgabe, einer Poesie des Schrägen und Seltsamen auf der Spur. „Tollers Zelle“ ist ein klaustrophobischer Kommunikationsraum, wo sich ein kaum wahrnehmbarer Sopran unmerklich in eine metallisch-klickende oder per Weinglas glissandierende E-Gitarre einklinkt. Eine bezwingende Konzentration der Mittel legt das für die Kunststation St. Peter Köln geschriebene Orgelwerk „auelliae“ an den Tag. Aus reinen Luftgeräuschen der Winddrosseln entwickelt Dominik Susteck einen zeitlupenhaften Verdichtungsprozess, der Ligetis „Volumina“ alle Ehre macht. Der zwielichtigen Stimmung zwischen Dämmerung und Dunkelheit hat

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Strandgut - Ensemble LUX spielt Werke von Kampe, Klartag u.a.

Strandgut – Ensemble LUX spielt Werke von Kampe, Klartag u.a.

„Nicht das ‚Normale‘, sondern das Besondere, das Andersartige oder auch Kantige interessiert uns am meisten bei der Suche nach Neuem in der Musik“, versichert das Ensemble „LUX:NM“ und hat seine ästhetischen Maximen in der zweiten Eigenproduktion namens „Strandgut“ treffsicher eingelöst. Eine ausgewiesene Fachkraft für „Andersartigkeit“ ist Gordon Kampe. Die sechs aphoristischen Klangbilder von „Knapp“ stellen anschauliche Muster-Bögen eigenwilliger Kampe-Kunst dar, die klangfarbenreich zwischen kopflosem Bewegungseifer und somnambuler Seltsamkeit schwankt. Mittendrin singt uns „Frau Czybulka“ im heimatlichen Wohnzimmer mit unwiderstehlichem Understatement ein gläubiges Lied. Ausgesprochen skurril geht es auch in Yair

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Rolf Riehm: Die schrecklich-gewaltigen Kinder für Koloratursopran & großes Ensemble

Rolf Riehm: Die schrecklich-gewaltigen Kinder für Koloratursopran & großes Ensemble

Die griechische Mythologie ist schon länger ein Gravitationszentrum im künstlerischen Kompass von Rolf Riehm, der Mythos als narratives Möglichkeitsfeld von Erkenntnis. Gediegen bildungsbürgerlich wird das bei Riehm aber nie. „Die schrecklich-gewaltigen Kinder“ (2012), hier in einem bezwingenden Live-Mitschnitt der Frankfurter Uraufführung mit dem Ensemble Modern zu hören, basiert zum Großteil auf der „Theogonie“ von Hesiod, ein Urmythos der Unterdrückung mitsamt daraus resultierendem Vatermord. Riehm hat daraus ein Epos gemacht, das über weite Strecken monodisch von einem aberwitzigen Koloratursopran getragen wird, dessen „Erzählung“ zwischen fragmentarischen Text-Bildern und vokaler Abstraktion schwankt. Der

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Fabio Nieder: Obraz :::

Fabio Nieder: Obraz

Fabio Nieder gehört zu den im besten Sinne eigenwilligen Komponisten, der in keine gängige Schublade passt, auch nicht in die von „Minimalismus“ und „Einfachheit“. Nieders Klangpoesie wird gespeist von ganz unterschiedlichen volksmusikalischen Quellen, insbesondere Südosteuropas. Das Lied ist also – ob mit oder ohne Stimme – ein wesentlicher Impuls, so auch in diesem Portrait, das einen weiten Bogen schlägt von lyrischen Klavierstücken bis zu akusmatischer Musik. Da erfreuen Kleinode pianistischer Reduktion ebenso wie hybride Klangräume in schrägen Mischungen elektronisch angereicherter Vokal- und Perkussionsklänge. (stradivarius) Fabio Nieder: Obraz ::: Aldo Orvieto,

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