5. Dezember 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Vienna 1905–1910

Vienna 1905–1910
Vienna 1905–1910
Nach der Jahrhundertwende war Wien mehr als nur die altgediente Metropole einer sich ihrem Ende nähernden Doppelmonarchie. Sie war vor allem ein Hotspot der Kultur – ein Schmelztiegel vieler Nationen und Entwicklungen, in dem gleichermaßen konservative Kräfte wirkten wie auch eine sich neu formierende und orientierende Avantgarde in Musik, Kunst, Drama und Literatur. Der Aufbruch in das 20. Jahrhundert konnte kaum vielfältiger sein, und doch wird er musikalisch bis heute vor allem durch die Protagonisten der «Zweiten Wiener Schule» repräsentiert. So auch auf diesem Album mit je einer herausragenden Komposition für Streichquartett von Anton Webern, Arnold Schönberg und Alban Berg. Bereits vielfach und namhaft eingespielt, werden die Werke in dieser Produktion indes merklich anders gedacht.

Überblickt man seine eigenen Hörerfahrungen mit den betreffenden Partituren (vor allem Schönbergs skandalträchtigem Streichquartett op. 10), so sieht man die Interpretationen seit mehr als 70 Jahren in der Tradition einer stark analytisch fokussierten Deutung von Satz und Faktur: Kolisch, Julliard, LaSalle… Die Abkehr aus diesem eingefahrenen interpretatorischen Diskurs ist mutig. Weniger aufgrund der Verwendung einer etwas tieferen Stimmung und von Darmsaiten, die den Klang um ein Vielfaches wärmer erscheinen lassen (Webern!), als vielmehr wegen der gegenläufigen Entschleunigung und Robustheit in Schönbergs op. 10. Hier wird vom Richter Ensemble (das sich bewusst nicht als Quartett definiert) das Tempo des Kopfsatzes tatsächlich «mäßig (moderato)» genommen, zugleich aber der Ton emotionalisiert und aufgeraut. Rodolfo Richter und Jennifer Morsches weisen in ihren Erläuterungen – in diesem Sinne legitimierend – explizit auf eine von Robert Mann (Julliard Quartet) überlieferte Anekdote hin: «Unsere Interpretation war wilder, als Schönberg erwartet hatte, und als wir das erste Quartett für ihn spielten, erklärte er, es sei eine Art der Interpretation, die er sich so nicht vorgestellt hatte. Wir waren fassungslos. Schönberg fing an zu lachen und fügte hinzu: Aber spielen Sie es so, es ist gut.»

Vienna 1905–1910
Anton Webern. Langsamer Satz für Streichquartett (1905); Arnold Schönberg. Streichquartett fis-Moll op. 10 (1907/08); Alban Berg. Streichquartett op. 3 (1910)
Richter Ensemble, Mireille Lebel (Mezzo)

Passacaille PAS 1093 (2018, 2019)

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