27. Mai 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Weinberg / Amadeus Chamber Orchestra

Weinberg / Amadeus Chamber Orchestra
Weinberg / Amadeus Chamber Orchestra
Manchmal lohnt der Blick auf den schmalen Rücken eines Digipacks. Dort trifft man nämlich beim vorliegenden Album überraschenderweise auf den Begriff «Chamber Music» – eine Bezeichnung, die angesichts der eingespielten drei Werke in bemerkenswerter Weise missverständlich ist. So geht zwar die Kammersinfonie Nr. 1 auf das Streichquartett op. 3 zurück, fasst aber mit der veränderten Besetzungsgröße die Faktur vollkommen anders auf. Grundsätzlich Ähnliches gilt auch für die Kammersinfonie Nr. 3 (1991), eine der letzten vollendeten Kompositionen Weinbergs, die sich umgekehrt wiederum als Streichquartett denken ließe (und damit sicherlich noch mehr Intimität gewinnen würde). Um «Chamber Music» handelt es sich auch nicht beim Flöten-Concerto. Bis heute ist mit dem Repertoire für Streichorchester (mit oder ohne obligaten Solopart) eine gewisse Reserviertheit verbunden: durch die chorische Besetzung und den Kontrabass in der Tiefe erweitert, nicht mehr wirkliche Kammermusik, ohne einfaches oder doppeltes Holz aber auch keine richtige Sinfonik…

Was die chorische Besetzung mit einem Streichquartett macht, ist im Konzertleben hinlänglich durch die von Rudolf Barshai arrangierten Kammersinfonien nach Werken Schostakowitschs bekannt – und vielleicht hat Weinberg daran sogar mit seinen eigenen späten Bearbeitungen angeknüpft. Original ist freilich op. 151 – und dies in einer (be)drängenden Art – nicht nur im ersten Satz, der mir mit seinen langen Linien wie eine polnisch-russische Copland-Variante erscheint. Wie muss das erst klingen, wenn die Akustik im Ganzen weiträumiger ist und zugleich die Streicher durch die Tontechnik direkter eingefangen werden? Der verhangene Klang des in Poznań beheimateten Amadeus Chamber Orchestra gibt der Produktion zwar einen eindrücklichen Charakter, lässt manches an den Werken dann aber doch monochrom erscheinen. Etwas lichter wirkt das dreisätzige Concerto (eher: Concertino) mit Flöte. Das aber liegt wohl eher in der Natur der Idiomatik.

Mieczysław Weinberg. Kammersinfonie Nr. 1 op. 145 (1987); Concerto für Flöte und Streicher Nr. 1 op. 75 (1961); Kammersinfonie Nr. 3 op. 151 (1990)
Łukasz Długosz (Flöte), Amadeus Chamber Orchestra of Polish Radio, Anna Duczmal-Mróz

DUX 1525 (2014, 2017)

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Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #058 – Weinberg