20. September 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Stefan Goldmann: Live at Philharmonie Berlin

Stefan Goldmann: Live at Philharmonie Berlin

Das Live dürfte manchen Hörenden etwas ulkig vorkommen, kennt man dergleichen doch so gut es geht vom Studio her, nämlich elektronisch erzeugte Klänge. Hier zudem von einer Person allein. Was ist da live? Wozu bedarf es des Publikums. Umgekehrt ist es kein Thema, das Publikum bedarf der Klänge, es geht ja nicht ohne. Dass das alles in der Berliner Philharmonie passiert, zeigt jetzt aber genau was? Dass diese Art elektronischer Live-Musik im Tempel der Hochkultur angekommen ist? Oder nur Platz gefunden hat? Die Platte wirbt ja mit beiden Elementen schon

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Daniel Riegler – Fanfare III

records & other stuff: Fanfare – rocket sciene – HOHNOR

Ein neues Label mit dem Namen aus Österreich „records & other stuff“ widmet sich in seinen ersten drei Veröffentlichungen dem Musikensemble „Studio Dan“. Kein Wunder, denn es ist das Label des Ensembles. Studio Dan gehört zu den Formationen flinker Musiker:innen, die – laut Eigenbeschreibung – spielend „an den Grenzen und Rändern verschiedener Subgenres zeitgenössischer Musik (Improvisation, neue Musik, Jazz und Art Rock)“ herumoperieren. So kann man es jedenfalls im Presseinfobeiblatt lesen. Stimmts? Die drei CDs Fanfare III, HOHNOR und Rocket Science #1 #5 #8 spannen das Feld erstmals auf und

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Shoko Kuroe: Snow

Shoko Kuroe: Snow

Sommer, Sonne, Sonnenschein. Eine gute Zeit für Gedanken an Schnee. Angeblich gibt es Kulturen, die sehr viele Worte für Schnee haben. Diese CD der Pianistin Shoko Kuroe zeigt, dass wir auch viele Töne für Schnee haben – allein schon auf dem Klavier. Und niemand wird wohl ermessen können, wie viele Töne es für Schnee noch jenseits des Klaviers gibt und wie viele Schnee-Klänge, die nicht titel- oder assoziationsgebend geworden sind. Einen kleinen Ausschnitt bringt diese Zusammenstellung der Pianistin und doch einen Fächer aus Zeit, Klang und Empfindung. Kalt wird einem

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Danish String Quartet – Prism II

Danish String Quartet – Prism II

War für ein Prisma. Was für ein Fächer an Musik. Was tut sich hier für eine Musikwelt nur auf. Diese Konstellation aus Musikwerken, an deren Anfang eine Fuge (von Bach) steht und an deren Ende ebenfalls eine Fuge (von Beethoven) steht. Bei markieren Grenzfrequenzen des gebündelten Lichtstrahls aus vier Streichinstrumenten. Größere Werke zur Entfaltung zu bringen als die hier angezeigten von Bach, Schnittke und Beethoven ist kaum denkbar. Prismatisch sind die Werke auch in sich selbst. Das dritte Streichquartett von Alfred Schnittke aus dem Jahr 1983 steht für eine musikalische

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Hiyoli Togawa / Songs of Solitude

Hiyoli Togawa / Songs of Solitude

Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #038 – Musik im Lockdown

Wie Einsamkeit klingen kann, vermittelt Hiyoli Togawa mit ihrer Viola auf diesem ebenso beeindruckenden wie singulären Album. Als im Frühjahr 2020 die Straßen plötzlich leer wurden, kam ihr die Idee, weltweit Komponist:innen um ein aktuelles Stück zu bitten, mit dem die seltsame Zeit des Stillstands kommentiert werden sollte. Entstanden sind auf diese Weise elf zeitgenössische Werke, die alle einen jeweils eigenen Weg gehen: inspiriert durch ein japanisches Volkslied (Hosokawa), beim stillen Hineinhorchen in das Instrument selbst (Federico Gar­dell), mit gesungener Begleitung (Kalevi Aho) oder bis hin zum neunstimmigen, im Multitrack-Verfahren

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Bjørn Charles Dreyer: Time and Mass

Bjørn Charles Dreyer: Time and Mass

Teil 5 von 5 in Michael Kubes HörBar #037 – Klanggestalten

Eine CD, bei der Stille hörbar wird. Auch wenn es für mich immer ein Problem darstellt, wenn eine künstlerische Äußerung als höchst persönliche Seelen­therapie ihres Schöpfers offenbart wird (ist in einem solchen Fall die kritische Auseinandersetzung nicht von Anfang an moralisch-ethisch kompromittiert?), so drängt sich hier nichts auf. Im Gegenteil: Bjørn Charles Dreyer tastet sich mit E-Gitarre oder Piano vorsichtig voran, klanglich unterstützt von einzelnen Musikern und dem Sinfonieorchester aus dem norwegischen Kristiansand. Sinfonisch wird es allerdings an keiner Stelle – eher sind es einzelne und zudem elektronisch verfremdete Klänge,

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Clara Iannotta: Moult

Clara Iannotta

Teil 4 von 5 in Michael Kubes HörBar #037 – Klanggestalten

Die beim Label KAIROS erscheinende Serie mit Komponisten-Portraits ist weit mehr als ein repräsentatives Aushängeschild der Ernst von Siemens Musikstif­tung. Es handelt sich eher um eine ästhetisch unvoreingenommene klingende Dokumentation zeitgenössischer Musik. Sie ermöglicht damit einen weiterfüh­renden Diskurs auch abseits einzelner Festivals oder Studioproduktionen, die allzu schnell im Archiv verschwinden. Sie ist Teil eines Vermittlungsprozesses, der die vielfach komplex notierten klangliche Vorstellungen auch abseits einer realisierenden Live-Aufführung erfahrbar macht – und noch dazu in wiederhol­barer Weise, so dass sich die einzelnen Werke auch nachhören lassen. Die so entstehende Vertrautheit mit

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Occurrence

Occurrence – ISO Project Vol. 3

Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #037 – Klanggestalten

Mit dieser CD schließt ein kleiner, doch konzeptionell wie musikalisch sensationeller Zyklus ab: drei CDs mit nicht weniger als 14 Werken von elf isländischen Komponist:innen, gespielt vom Isländischen Sinfonieorchester, erschienen im Rhythmus von zwei Jahren. Allein die Titel der Alben zeugen von einer beeindruckenden Planung und Dramaturgie, die anders als viele Eintagsfliegen nicht den schnellen Erfolg sucht, sondern überzeugen will: Recurrence, Concurrence und Occurrence. Hier geht es allein um Qualität, und dies in dreifacher Hinsicht, nämlich kompositorisch, interpretatorisch wie auch aufnahmetechnisch. Jedes Album enthält neben der üblichen CD auch eine

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Christopher Gunning

Christopher Gunning

Teil 2 von 5 in Michael Kubes HörBar #037 – Klanggestalten

Dass die Grenzen zwischen den Genres fließend geworden sind, liegt in der Natur einer sich nicht mehr abgrenzenden Ästhetik, die längst die Postmoderne hinter sich gelassen hat. Doch sind die Werke der Grenzgänger wirklich so attraktiv, wie man es sich wünscht? Schon in den 1980er Jahren stolperte Andrew Lloyd-Webber mit seinem persönlich inspirierten Requiem; zudem scheint sich der Abstand zwischen Film-Score und Konzert-Partitur in den letzten Jahrzehnten eher vergrößert zu haben – und dies, obwohl sich ein gewisses «easy listening» breit macht. Kurios: während so manches mehrteilige Kino-Epos musikalisch durch

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Christopher Tyler Nickel: Symphony No. 2

Christopher Tyler Nickel: Symphony No. 2

Teil von 5 in Michael Kubes HörBar #037 – Klanggestalten

Vermutlich wird der eine oder andere Enthusiast für Film und Game Music den Namen von Christopher (Tyler) Nickel (geb. 1978) kennen. Doch auch mit seiner Konzertmusik hat er (so die eher wortreich anpreisende als resümierende Biographie im Booklet) in der «Neuen Welt» Tausende andere erreicht; auf CD oder in realen Konzertprogrammen ist sein Name indes kaum zu finden. Umso mehr muss sich die Partitur selbst beweisen, wie hier im Fall der 2. Sinfonie. Entstanden 2016 und im Vorfeld der vorliegenden Einspielung 2018 nochmals umfassend revidiert, handelt es sich um ein Werk,

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Dark Lux – Lux:NM

Gordon Kampe: DARK LUX – Lux:NM

Ein sinistres „Gesamtgruselwerk“ zwischen Elektronik und Instrumentalklang, das LUX:NM hier mit Autorin Sarah Trilsch, Elektronikfachkraft Jan Brauer und Gordon Kampe ausgeheckt hat, der hier mit hörbar guter Laune den kompositorischen Bösewicht mimt. Da gibt es dann in der Kampe-typischen Lust am Verbiegen und Verbeulen so manch chaotisch überdrehte Monstermusiken, abgründige Volksliedsimulationen, „komische Kadenzen“ oder „röchelnde Flüsterkantaten“, rücksichtslos kaputte Nachtmusiken oder Tarantellas, Gigues und Tangos, die auf Vulkanen tanzen. Manchmal treten auch Rameau und Gesualdo als musikalische Gespenster auf. Das Schöne an diesem „Hörstück“ in 22 abwechslungsreich düster-komischen Kapiteln ist aber

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Olga Neuwirth: Solo (Klangforum Wien)

Olga Neuwirth: Solo (Klangforum Wien)

In Olga Neuwirths Solostücken geht es weniger um halsbrecherische Demonstrationen unkonventioneller Spieltechniken als um Klangräume, wo Dinge aufeinandertreffen, die sich normalerweise nicht zwangsläufig begegnen, wo Disparates zu einer schrägen Poetik verschmilzt. Zum Beispiel eine Flöte und der Rhythmus einer Olivetti-Schreibmaschine („Magic flu-idity“, 2018) oder die elementaren Klanglichkeit eines Fagotts mit Tape-Interpolationen einer diffus verrauschten Folklore („Torsion“, 2003). Das kann in Neuwirths abgründigen Musik-Legierungen Züge des Unheimlichen annehmen wie im taufrischen „CoroAtion I: io son ferito ahimè“ (2020): eine ganz persönliche Corona-Reflexion, wo ein Sammelsurium an Perkussion in eine sphärische Sample-Klangwelt

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