16. Juli 2019 nmz – HörBar – täglich dabei und abgeört

Stefan Prins: Augmented

Eine großzügige Präsentation der Arbeit von Stefan Prins bietet Kairos unter dem Titel „Augmented“. Schon angesichts der rekordverdächtigen 280 Minuten Material auf CD und DVD eine bezeichnende Überschrift. Das „Augmentieren“ ist aber vor allem ästhetisches Prinzip von Stefan Prins, der in intermedialen Kompositionen an der Erweiterung, Vergrößerung, und gleichzeitigen Verunklarung der Materialfelder und Darstellungsebenen arbeitet. Das Visuelle ist dabei ebenso entscheidend wie das Akustische und so durchdringen sich „leibhaftiges“ Bühnengeschehen und „immaterielle“ Avatare in vielschichtigen Mischungen aus Instrumentalklang, Elektronik und Video-Projektionen. Die oft unauflösbare Gleichzeitigkeit von virtuell und real, technischer

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Finnish Baroque Orchestra: Helsinki Window

Gerade Ensembles Alter Musik pflegen oft einen vergleichsweise entspann­ten Umgang mit zeitgenössischen Partituren. Das Finnish Baroque Orchestra vergibt regelmäßig Kompositionsaufträge und hat unter dem Titel „Helsinki Window“ seine zweite CD mit neuer Musik eingespielt. Neben den finnischen Komponisten Jukka Tiensuu und Perttu Haapanen mit ausgesprochen polystilistischen Stücken, die tänzerisch bis burlesk die raue Klanglichkeit der barocken Originalinstrumente auskosten, steht Sarah Nemtsov mit zwei Cembalokompositionen besonders im Fokus. „running, out of tune“ (2013) entwickelt aus den Reibungen zweier Cembali in temperierter und mitteltöniger Stimmung harmonisch und rhythmisch ganz ungewöhnliche Texturen. Vielleicht

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Giorgio Netti: Necessità d’Interrogare Il Cielo

Eine „Erkundung ohne Zweck“, der es im besten Fall gelänge „das Ohr zu transzendieren“, wünschte sich Giorgio Netti hinsichtlich „necessità d’interrogare il cielo“ (1996/99) und das ist mehr als nur ein frommer Wunsch geblieben. Netti entwickelte diese abendfüllende Saxophonexpedition in vier größeren Stationen, benannt nach Sentenzen aus den Chaldäischen Orakeln, in enger Zusammenarbeit mit Marcus Weiss. Nun gibt es eine Neueinspielung von Patrick Stadler, die in ihrer Intimität und Konzentration vom ersten bis zum letzten Takt fesselt. Nettis mikroskopische Klangerkundungen beruhen auf intensiver Mikrophonierung diffiziler Spieltechniken, die sich erstaunlich fern

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Incantations: Werke von Dorman und Rautavaara (2018)

Teil 6 von 7 in Michael Kubes HörBar #005 – 2019/05

Es hat Jahre, Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte gedauert, bis das Schlagwerk in seiner ganzen Vielfalt endlich auch solistisch wahrgenommen wurde. Mit steigender Aufmerksamkeit ist nun aber auch ein freundschaftlicher Wettbewerb ausgebrochen um die virtuosesten Solisten mit den spektakulärsten Passagen. In den Ring gestiegen ist auch Christoph Sietzen – hier mit zwei Konzerten von Avner Dorman (Frozen in Time, 2007) und Einojuhani Rautavaara (Incantations, 2008). Stilistisch im Bereich der Postmodene angesiedelt, machen es einem beide Werke im Prinzip leicht, mit dem Fuß oder noch mehr rhythmisch mitzugehen. Der vor dem

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Albanian Piano Music: Werke von Simaku, Vorpsi, Lara, Ibrahim, Zadeja, Gjoni, Tole, Dizdari, Harapi (2018)

Teil 2 von 7 in Michael Kubes HörBar #005 – 2019/05

Eine pianistische Reise durch ein fast vergessenes Land an der Adria. In Erinnerung bleiben die Klavierstücke und Zyklen nahezu ausnahmslos wegen ihres musikalisch durch und durch ungefährlichen romantischen oder nationalromanti­schen Idioms. Und dennoch: eine Entdeckungstour in unbekanntem Terrain, die unter den Händen von Marsida Koni Lust auf mehr macht. Albanian Piano Music: Werke von Simaku, Vorpsi, Lara, Ibrahim, Zadeja, Gjoni, Tole, Dizdari, Harapi. Marsida Koni (Klavier) Piano Classics PCL 10149 (2018)

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Robert Groslot: Concerto for Orchestra, Violin Concerto

Robert Groslot: Concerto for Orchestra, Violin Concerto

Teil 2 von 7 in Michael Kubes HörBar #004 - 2019/03

Im 19. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit, ist heute die Personalunion von Komponist, Dirigent und Musiker selten geworden. Umso spannender lesen sich die biographischen Stationen von Robert Groslot. 1951 im belgischen Mechelen geboren, als Pianist ausgezeichnet, als Dirigent vielfältig aktiv, widmet er sich nun vermehrt der Komposition. Vor allem sein Concerto for Orchestra (2016) zeigt die Erfahrung, wie man einen großen Klangkörper ungezwungen in Szene setzt. Groslot ist allerdings stilistisch nur schwer zu fassen – am ehesten vielleicht in Richtung der nachromantischen amerikanischen Generation um Aaron Copland. Die Philharmoniker aus Brüssel nehmen

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Johann Sebastian Bach: Goldberg Variations; Henning Kraggerud: Topelius Variations

Johann Sebastian Bach: Goldberg Variations; Henning Kraggerud: Topelius Variations

Teil 3 von 7 in Michael Kubes HörBar #004 - 2019/03

Goldberg und kein Ende. Hier ist es eine Bearbeitung von Bernt Simen Lund und Henning Kraggerud, die zwischen Solostreichern und Streichorchester alterniert, vom Tonsatz her alles eng am Original. Spannend wird es mit Kraggeruds eigenen Topelius Variations (2017), die in ihrer Rückschau und ihrem ausgeprägt norwegischen Tonfall ein wenig an die Holberg-Suite von Grieg erinnern. Keine schlechte Reverenz. Johann Sebastian Bach: Goldberg Variations; Henning Kraggerud: Topelius Variations :: Arctic Philharmonic Chamber Orchestra, Henning Kraggerud SIMAX PSC 1353 (2017)

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Edition DEGEM: Drop the Beat

Edition DEGEM: Drop the Beat

„Drop the Beat“ heißt die aktuelle Veröffentlichung der Edition DEGEM, bei der es dem Thema entsprechend deutlich „technoid“ zugeht. Eine chaotische Beat-Destruktion betreibt Marc Behrens in „Kupari Odradek Drug Party“, während Kai Niggemann in „The Pretty Blaze“ eine düster knarzende, aber durchaus tanzbare Rhythmus-Perle präsentiert. Eines der interessantesten Stücke hat Kirsten Reese beigesteuert: „Roaming“ basiert auf einem Film von Stefan Panhas, wo Schauspieler und Tänzer die Fehler in algorithmischen Bewegungsmustern von Avataren in analoge Körperlichkeit rückverwandeln. Eine Montage aus ekstatischen Loops mit harten Schnitten und scharfen Kontrasten ist die Folge.

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Eva Reiter: Noch sind wir ein Wort …

Eva Reiter: Noch sind wir ein Wort …

Eva Reiter ist ein Phänomen. An ihren angestammten Instrumenten (Blockflöte, Viola da Gamba) ist sie als Solistin regelmäßig in der alten Musik aktiv. Als Komponistin verbindet sie die Sphären instrumentaler, vokaler und elektronischer Klänge mit einer Energetik und Kompromisslosigkeit, wie es momentan nur Wenigen gelingt. „Noch sind wir ein Wort …“  ist eine elektrisierende Hybris für Kontrabass-Flöte, Kontrabass, Musiker-Chor und Elektronik, dessen wilde Interaktionen heftige Entladungen und Kollisionen bereithalten. Das Körperliche musikalischer Interaktion wird hier Unmittelbar und generiert unter reger Beteiligung des Klangforums Wien auch in den anderen Stücken unwirtlich zerklüftete

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Anna Korsun: Ulenflucht

Anna Korsun: Ulenflucht

Auch Anna Korsun ist in ihrem Portrait bei der Edition Zeitgenössische Musik mit unerschöpflicher Erfindungsgabe, einer Poesie des Schrägen und Seltsamen auf der Spur. „Tollers Zelle“ ist ein klaustrophobischer Kommunikationsraum, wo sich ein kaum wahrnehmbarer Sopran unmerklich in eine metallisch-klickende oder per Weinglas glissandierende E-Gitarre einklinkt. Eine bezwingende Konzentration der Mittel legt das für die Kunststation St. Peter Köln geschriebene Orgelwerk „auelliae“ an den Tag. Aus reinen Luftgeräuschen der Winddrosseln entwickelt Dominik Susteck einen zeitlupenhaften Verdichtungsprozess, der Ligetis „Volumina“ alle Ehre macht. Der zwielichtigen Stimmung zwischen Dämmerung und Dunkelheit hat

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Strandgut - Ensemble LUX spielt Werke von Kampe, Klartag u.a.

Strandgut – Ensemble LUX spielt Werke von Kampe, Klartag u.a.

„Nicht das ‚Normale‘, sondern das Besondere, das Andersartige oder auch Kantige interessiert uns am meisten bei der Suche nach Neuem in der Musik“, versichert das Ensemble „LUX:NM“ und hat seine ästhetischen Maximen in der zweiten Eigenproduktion namens „Strandgut“ treffsicher eingelöst. Eine ausgewiesene Fachkraft für „Andersartigkeit“ ist Gordon Kampe. Die sechs aphoristischen Klangbilder von „Knapp“ stellen anschauliche Muster-Bögen eigenwilliger Kampe-Kunst dar, die klangfarbenreich zwischen kopflosem Bewegungseifer und somnambuler Seltsamkeit schwankt. Mittendrin singt uns „Frau Czybulka“ im heimatlichen Wohnzimmer mit unwiderstehlichem Understatement ein gläubiges Lied. Ausgesprochen skurril geht es auch in Yair

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Ludwig van Beethoven / Wolfgang Mitterer. Nine in One

Ludwig van Beethoven / Wolfgang Mitterer: Nine in One

Teil von 7 in Michael Kubes HörBar #002 - 2018/12

Recomposing kann manchmal auch ganz schön loungig sein. Nicht so bei Wolf­gang Mitterer. Er geht Beethoven-Sinfonien an den Kragen, kürzt, kondensiert, überlagert, schafft neu. Hier kennt einer nicht nur die Anfangstakte, sondern die Partituren im Detail. Das Ergebnis ist eine musikalische Achterbahnfahrt: im Hö­ren, Erkennen, Sortieren und Formieren. Ein Markstein, der viel hippes Zeug aus den letzten Jahren nicht bloß blass, sondern aschfahl aussehen lässt. Beethoven hätte bei dieser rücksichtslosen Dichte dafür gebrannt. Ludwig van Beethoven / Wolfgang Mitterer. Nine in One :: col legno WWE 1CD 20439 (2017)

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