28. Mai 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
ALMA – Meine Seele / Elise Caluwaerts

ALMA – Meine Seele / Elise Caluwaerts

Es ist nur wenige Jahrzehnte her, da reichte auf dem Cover eine nüchterne Inhaltsangabe: Alma Mahler-Werfel, Sämtliche Lieder (cpo, 1987), oder sprachlich etwas internationaler: Alma Mahler-Werfel, Complete Songs (abermals eine Einspielung bei cpo, 2000). Seither sind mindestens drei weitere Lieder im Druck erschienen, so dass heute 17 Gesänge vorliegen – anderes aus der Feder der berühmten «femme fatale» ist verloren oder verschollen. 2023 mag es nicht mehr gelingen, einfach «complete songs» anzukündigen, und so erlaubt sich dieses Album mit dem Motto ALMA – Meine Seele nicht nur eine dutzende Nähe,

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Ombres / Laetitia Grimaldi

Ombres / Laetitia Grimaldi

Um es gleich zu sagen: So charmant die einzelnen Lieder gesungen werden, so inkonsequent wirkt das Album in der Konzeption auf mich – und fast stellt es sich damit sogar selbst ein Bein. Das beginnt mit dem reichlich indifferenten Motto «Ombres» (Schatten). Gemeint sind jene Schatten, aus denen nun einige Werke von Komponistinnen der französischen Belle Époque herausgeholt werden sollen. Ob aber alle gleichermaßen in der Vergangenheit dem Vergessen anheim gefallen sind, bleibt fraglich. Ob es sich sogar um eine «Zeugenaussage» handelt (so im Booklet zu lesen), darf bezweifelt werden.

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Robert Müller-Hartmann / Kammermusik

Robert Müller-Hartmann / Kammermusik

Er gehört zu den während der 1930er Jahre ins Exil geflüchteten Komponisten, die gemeinsam mit ihrem Œuvre nahezu vollständig vergessen wurden: Robert Müller-Hartmann (1884–1950). Nach seiner gründlichen Ausbildung in Berlin am Stern’schen Konservatorium war er zunächst in seiner Heimatstadt Hamburg als Dozent für Harmonielehre, Musiktheorie und Komposition tätig, seine Werke bis 1937 stehen stilistisch den großen Spätromantikern nahe und denken sie weiter. Müller-Hartmann ist damit in eine Reihe mit vielen anderen Komponisten seiner Generation zu stellen, die keinen der neuen Wege der 1920er Jahre beschritten, sondern sich (wie auch zuvor

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Smetana & Schostakowitsch / Trio Alba

Smetana & Schostakowitsch / Trio Alba

Hinter den Namen des einen oder anderen Ensembles verbergen sich ganze Geschichten: Beim 2009 gegründeten Trio Alba ist es das italienische Wort für den Sonnenaufgang und die Morgenröte. Im Booklet wird dabei verwiesen auf das für alle Kenner der Gattung Klaviertrio bekannte Zitat eines schwedischen Lieds in Schuberts Es-Dur-Trios (D 929): «Se solen sjunker». Dumm nur, dass dort ausgerechnet ein Sonnenuntergang besungen wird, also eher ein «Trio tramonto». Aber was soll’s – derartige Beckmessereien verderben einem nur die Freude an diesem sehr griffigen, engagierten und voll Feuer steckenden Album. Das

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Maurice Ravel / Linos Piano Trio

Maurice Ravel / Linos Piano Trio

Vorsicht ist geboten, denn es droht Verwechslungsgefahr! Zugegeben: Niemand hat ein Monopol auf die griechische Mythologie – und schon gar nicht auf Linos, der als Musiklehrer des Herakles wirkte. Und dennoch: Wer kennt nicht das bereits 1977 gegründete Linos Ensemble, dass mit seinem Kern und wechselnden Zuzüglern die ganze Breite der Kammermusik vollkommen unprätentiös auf höchstem Niveau abgeschritten hat und weiter abschreitet? Das auf dem vorliegenden Album zu hörende und 2007 gegründete Linos Piano Trio hat nicht nur mit dem älteren Ensemble gar nichts zu tun, sondern geht auch ganz

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Louise Farrenc / Linos Ensemble

Louise Farrenc / Linos Ensemble

Mit dem Namen «Linos Ensemble» verbindet sich nicht nur beste Kammermusik, sondern auch größte Entdeckerfreude. 1977 gegründet, ist es seit langem in der zweiten Generation angekommen. Dieses frisch aufgenommene Album mit Werken von Louise Farrenc schlägt nun einen weiten Bogen zurück in das Jahr 1991, in dem das Linos Ensemble in identischer Besetzung (!) zwei Klavierquartette dieser herausragenden Romantikerin eingespielt hatte – zu einer Zeit, als derartige Repertoire-Ausgrabungen keineswegs auf der Tagesordnung standen, sondern wirklich eine Sache der inneren Überzeugung waren. Ich kann mich jedenfalls noch daran erinnern, wie ich

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Woldemar Bargiel / Leonore Piano Trio

Woldemar Bargiel / Leonore Piano Trio

Obwohl er zu den bedeutendsten Kompositionslehrern im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zählte, ist es um Woldemar Bargiel (1828–1897) und seine Musik recht still geworden. Nun drängt sich sein Œuvre auch nicht auf: Wer sucht, der findet eine Sinfonie und zwei Konzertouvertüren, drei Klaviertrios, vier Streichquartette und ein Streichoktett neben Werken für Klavier und Chor (diese teilweise mit Orchesterbegleitung). Eingespielt ist davon einiges – aber doch vielfach eher «zur Dokumentation». Ausgenommen ist davon die Kammermusik, und hier insbesondere die Klaviertrios, die bereits vor mehr als 25 Jahren das Trio Parnassus

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Pedro I. / Credo & Te Deum

Pedro I. / Credo & Te Deum

Im Alten Europa ist so gut wie nichts über den ersten Kaiser Brasiliens als Komponisten bekannt. Dabei entstammt Dom Pedro I. (1798–1834) nicht nur einer blaublütigen, sondern auch der den Künsten und der Musik sehr zugewandten Familie Braganza: Bereits João IV. von Portugal (1604–1656) war selbst schon schöpferisch tätig und soll die zu jener Zeit größte Musikaliensammlung Europas besessen haben (sie ging wie fast die gesamte Stadt Lissabon 1755 beim Erdbeben und Großbrand verloren). Pedro I. wuchs in Brasilien auf, nachdem das portugiesische Könighaus im Winter 1807/08 vor Napoleons Truppen

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Bassoon Concertos / Dag Jensen

Bassoon Concertos / Dag Jensen

Ein Album, das zwischen Carl Maria von Weber und der skandinavischen Region, zwischen Romantik und zeitgenössischer Musik seinen Platz sucht. Tatsächlich ist das konzertante Repertoire für Fagott im 19. wie auch im 20./21. Jahrhundert erstaunlich rar. Dennoch stellt sich die Frage, warum für dieses Album gerade diese (und nicht andere) Werke zur Einspielung ausgewählt wurden. Knapp die Hälfte der Spielzeit nehmen das Konzert op. 75 und das ungarisch inspirierte Konzertstück des in Eutin geborenen frühromantischen Weber ein, sekundiert von einem Werk des klassischen Finnen Bernhard Crusell (1775–1838) und des Norwegers

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Smyth & Delius / Villiers Quartet

Smyth & Delius / Villiers Quartet

Schaut man auf das Cover, so wird einem mal wieder bewusst: So mancher breit angelegte Steg führt auch einmal ins Nichts – wenn etwa kein Boot für weitere Expeditionen bereit steht. So auch bei diesem Album, das mit Blick aufs Repertoire eine wirkliche Bereicherung darstellt, zumal beide Werke vom Kontext her zusammen gedacht werden können. Allerdings wird einem der seltsam altertümliche topfige Klang aus den Ayriel Studios diese Einspielung vergällen. Da mag der Tonmeister womöglich nur wenig Erfahrung mit der Gattung und der Besetzung gehabt haben, doch hätte dann wenigstens

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Ballads & Quintets / Fazıl Say & casalQuartett

Ballads & Quintets / Fazıl Say & casalQuartett

Ein Steg in sommerlicher Morgendämmerung. Nur selten einmal ist ein solch stimmungsvolles Coverfoto so dicht und überzeugend an der eingespielten Musik wie hier. Schade nur, dass man das aus dem Booklet nicht erfährt. Dabei handelt es sich just um jenen Steg, der von der hölzernen Villa des so bedeutenden türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk in Yalova auf das Marmarameer führt. Die Villa wiederum wird das «verschobene Haus» genannt, auf das Fazıl Say in seiner gleichnamigen Komposition Bezug nimmt. Was für eine Geschichte: Als sich Atatürk im Schatten einer Platane ausruhte, entstand

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Chausson / Poème de l’amour et de la mer

Chausson / Poème de l’amour et de la mer

Vermutlich gehört Ernest Chausson (1855–1899) zu den prominentesten Opfern eines Fahrradunfalls. Nicht etwa in der Stadt, sondern auf dem Land in der Sommerfrische. Bergabwärts, eine scharfe Kurve, keine oder unzureichende Bremsen, eine Steinmauer. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden hier eingespielten Werke bereits vollendet. Es sind seine wohl bekanntesten, die zwischen 1886 und 1895 entstandenen Oper Le Roi Arthus op. 23 wird noch immer als Geheimtipp gehandelt. Chaussons offenkundige musikalische Nähe zu Richard Wagner bezeichnete Edouard Lalo 1883 einmal als «Wagnérie purulente» (eine Wagner-Vereiterung) – kein Wunder, reiste Chausson doch

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