3. August 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Fumio Yasuda

Fumio Yasuda – My Choice

Das sitzt von Anbeginn. Bei einer Rezensionsstrecke hört man sich einige CDs im schnellen Durchgang an. Und sagt sich so: Ja, mmmh, interessant. Und dann gibt welche, die ziehen sofort die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Können Sie mir das mal erklären. Dabei sind es doch nur Klaviertöne zu Beginn! „Kakyoku“, der erste Track. Fumio Yasuda hat hier eine CD zusammengestellt mit Stücken anderer, aber vor allem seiner eigenen. Das Konzept kennen die Älteren unter uns von selbstkompilierten Kassetten und CDs, später Sticks, jetzt Playlists. Der Unterschied, die Aufnahmen bestehen aus

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Stefan Goldmann: Live at Philharmonie Berlin

Stefan Goldmann: Live at Philharmonie Berlin

Das Live dürfte manchen Hörenden etwas ulkig vorkommen, kennt man dergleichen doch so gut es geht vom Studio her, nämlich elektronisch erzeugte Klänge. Hier zudem von einer Person allein. Was ist da live? Wozu bedarf es des Publikums. Umgekehrt ist es kein Thema, das Publikum bedarf der Klänge, es geht ja nicht ohne. Dass das alles in der Berliner Philharmonie passiert, zeigt jetzt aber genau was? Dass diese Art elektronischer Live-Musik im Tempel der Hochkultur angekommen ist? Oder nur Platz gefunden hat? Die Platte wirbt ja mit beiden Elementen schon

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Daniel Riegler – Fanfare III

records & other stuff: Fanfare – rocket sciene – HOHNOR

Ein neues Label mit dem Namen aus Österreich „records & other stuff“ widmet sich in seinen ersten drei Veröffentlichungen dem Musikensemble „Studio Dan“. Kein Wunder, denn es ist das Label des Ensembles. Studio Dan gehört zu den Formationen flinker Musiker:innen, die – laut Eigenbeschreibung – spielend „an den Grenzen und Rändern verschiedener Subgenres zeitgenössischer Musik (Improvisation, neue Musik, Jazz und Art Rock)“ herumoperieren. So kann man es jedenfalls im Presseinfobeiblatt lesen. Stimmts? Die drei CDs Fanfare III, HOHNOR und Rocket Science #1 #5 #8 spannen das Feld erstmals auf und

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Shoko Kuroe: Snow

Shoko Kuroe: Snow

Sommer, Sonne, Sonnenschein. Eine gute Zeit für Gedanken an Schnee. Angeblich gibt es Kulturen, die sehr viele Worte für Schnee haben. Diese CD der Pianistin Shoko Kuroe zeigt, dass wir auch viele Töne für Schnee haben – allein schon auf dem Klavier. Und niemand wird wohl ermessen können, wie viele Töne es für Schnee noch jenseits des Klaviers gibt und wie viele Schnee-Klänge, die nicht titel- oder assoziationsgebend geworden sind. Einen kleinen Ausschnitt bringt diese Zusammenstellung der Pianistin und doch einen Fächer aus Zeit, Klang und Empfindung. Kalt wird einem

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Heinzen & Mead: „Les Six“

Heinzen & Mead: „Les Six“

Musik von Georges Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Darius Milhaud, Francis Poulenc, Germaine Tailleferre und Nr. 7: Erik Satie. Ein Blick in die Vergangenheit und eine wunderschöne Wiederaufnahme des 1920 entstandenen Gemeinschaftswerks „L’Album des Six“ zu dem jeder der sechs Komponist:nnen Georges Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Darius Milhaud, Francis Poulenc und Germaine Tailleferre jeweils ein Klavierwerk beisteuerten. Die beiden Musiker:innen erweiterten das Programm indem sie kleine Liederzylen der Komponist:innen hinzufügten, die zeitlich das Datum 1920 allerdings brechen. Zusätzlich ergänzen sie die „6“ mit der Einfügung von Werken Erik Saties

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Danish String Quartet – Prism II

Danish String Quartet – Prism II

War für ein Prisma. Was für ein Fächer an Musik. Was tut sich hier für eine Musikwelt nur auf. Diese Konstellation aus Musikwerken, an deren Anfang eine Fuge (von Bach) steht und an deren Ende ebenfalls eine Fuge (von Beethoven) steht. Bei markieren Grenzfrequenzen des gebündelten Lichtstrahls aus vier Streichinstrumenten. Größere Werke zur Entfaltung zu bringen als die hier angezeigten von Bach, Schnittke und Beethoven ist kaum denkbar. Prismatisch sind die Werke auch in sich selbst. Das dritte Streichquartett von Alfred Schnittke aus dem Jahr 1983 steht für eine musikalische

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Beyond /W Bernhardt. feat. The Micronaut + Meuroer Mandolinenorchester – Fire & Coal

Beyond /W Bernhardt. feat. The Micronaut + Meuroer Mandolinenorchester – Fire & Coal

Das Volkslied „Kein Feuer, keine Kohle“ ist sicher nicht eines der allerbekanntesten. Dabei gehört es zu den schönsten musikalischen Wundern, die sich eingegraben haben. Rechterhand zwei sehr hübsche Versionen aus dem Fundus von Spotify. Die erste Variante mit dem Rundfunk-Jugendchor Wernigerode. Eine zweite von Hannes Wader sollte nicht unerwähnt bleiben. Man muss da nämlich schon sehr tief suchen, wenn man das Stück in der Fassung mit dem Meuroer Mandolinenorchester finden möchte. Vielleicht ist auch besser, man sucht erst gar nicht. Die Komponistin bezeichnet es auch als abstrakte Interpretation des Volkslieds.

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Dan Tepfer: Natural Machines

Dan Tepfer: Natural Machines

iTunes sortiert das unter New Age ein. Freunde der Sortier- und Segmentierungsindustrie, das stimmt so – und anders – nicht. Nicht vorne und nicht hinten, nicht in der linken und nicht in der rechten Hand, und ebenso nicht im Pedal. Es gibt hier im Gegenteil durchrationalisierte witzige 11 Studien am Klavier in Sachen Konstruktion, Erfindung und Improvisation. Punkt. Äh, Kontrapunkt. Am Piano, äh, am Digiklavier. Das Cover zeigt einen Mann, der eine Art Kugel aus wohl einem Draht in der rechten Hand hält. Das muss für bei iTunes wohl New

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Heisig / Klare (2020)

Heisig / Klare (2020)

Aber wie geht denn das denn. Phonola gestanzt und Saxophon Improvisationen darüber. Da gibt es die Bezüge zurück in die Welt Conlon Nancarrows, der seinem Klavier über die programmierten Rollen Klänge und Spielstrukturen abverlangte, die bisher wohl niemand so wagte. Gut, das ist eben programmiert. Da ist Null Luft für Interventionen. Mit der Phonola ist das ein bisschen anders. Die wird vor die Tastatur gesetzt und der Musiker hat immer noch gewisse Möglichkeiten der Einflussnahme. Tempo, Pedal. Das hört man! Mit dem Altsaxophonisten Jan Klare kommt man so ins Gespräch.

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Tobias Meinhart: The Painter (2021)

Tobias Meinhart: The Painter (2021)

Selten hat mich eine Jazz-Platte beim allerersten Hören so in den Bann gezogen wie die Musik dieses Sextetts. „The Painter“ zeigt Tobias Meinhart bereits in voller musikalischer Auflösung als Komponisten und Musiker. Faszinierende Songstrukturen, sofort überzeugende Musikalität aller Beteiligten, eine Abmischung im Klang der CD, die präzise und seelen- und druckvoll ist. Noch in den wirrsten Strukturen gleich zu Beginn des ersten Tracks „White Bear“ im Duo des Bassisten Matt Penman mit dem Schlagzeuger Obed Calvaire steckt viel kinetische Energie, aber wie selbstverständlich fädelt da Gitarrist Charles Altura ein, danach

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Hannes Seidl / Daniel Kötter: Stadt (Land Fluss) - A Radio-Play (2021)

Hannes Seidl / Daniel Kötter: Stadt (Land Fluss) – A Radio-Play (2021)

A Radio-Play, altdeutsch, ein Hörspiel. Wie ein kluger Radioautor in den 60er Jahren bereits bemerkte, ein doppelter Imperativ als Kompositum. Hör‘! plus Spiel‘! Kann sein, dass man sich bewusst für die englische Form entschieden hat, das mehr in den Theaterbereich lugt – und das, obwohl das Theater hier gerade als Performance der Klänge und Worte zusammentrifft. Spielen wir also das Spiel? Davon zuerst das Spiel: Stadt Land Fluss. Aber keine Bange, es gibt hier nicht ein eitles Wissensquiz in neuen Klängen. Sondern, basierend auf den Musik-Theaterstücken, die Hannes Seidl mit

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Louis Sclavis: Characters On A Wall (2019)

Louis Sclavis: Characters On A Wall (2019)

Kann virtuose musikalische Artistik bedrücken? Ja. Selbstverständlich. Messiaens «Quatuor pour la fin du temps» zeigt das ebenso wie eine Alban Bergs «Lyrische Suite» für Streichquartett oder «Die Soldaten» von Bernd Alois Zimmermann. Das Schöne im Ton findet seine Resonanz im Körper der Hörenden. Das Cover der Aufnahme dieses Quartetts zeigt im Zentrum eine Person, gemalt an die Mauer, die in Israel Welten trennt, auf Abstand halten soll. Zur Kunst gehört die Differenz so wie die Einheit. Deutlich spürt man die Gleichzeitigkeit in dem letzten Stück der Platte «Darwich dans la

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