23. September 2020 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Windisch Quartett: Chaos (2020)

Windisch Quartett: Chaos (2020)

„Chaos, Pain, Wohin, Zulassen, Easter, Leere, Freude am Zahnrad, Gräit, Wassolldas.“ Die Titel der Tracks und damit unverkennbar Jazz aus den letzten Jahren aus Deutschland. Track-Titel, die reizen, daraus in einem höheren Sinn Lyrik zu machen. Oder Musik. In einem höheren Sinn Lyrik sind die Stücke selbst dann auch. Chaos selbst ist derartig unchaotisch, dass es einem um die Ohren fliegt. Dafür reichen heute Mittel wie bestnotierte Homophonie und krummen Zählzeiten. Pain – Schmerz oder Brot? Irrlichtert. Wohin probiert die Kunst repetitiver Permutation in Dauern und Tonhöhen – bevor es

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Gerwin Eisenhauer: 2019

Gerwin Eisenhauer: 2019 [2020]

Oh, no. No, ohh. Was ist da in den Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer nur für ein Blitz gefahren. Ein Potzblitz, eiderdaus? Natürlich ist es mutig, verwegen, vielleicht auch nur vernünftig, in der heutigen Zeit ein Album zu machen, das nur auf CD, Vinyl oder Tape (Kassette) jeweils in einer Auflage von 200 Stück. Keine Downloads, kein Streaming! Aber die Tracks lassen einen manchmal doch verwirrt zurück. Track 2 „breathe slowly sabine“ heißt da einer, der aus dem Geist der Künstlichkeit kommt, musikalisch leider dürftig gebaut, geradezu wie in einem motivischen Fleischwolf

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Lorenz Kellhuber Trio: Samadhi (2019)

Lorenz Kellhuber Trio: Samadhi (2019)

Wenn schon, denn schon. Musikalisches Risiko ist ohne Anternative. Im Zentrum dieser Aufnahme steht eine 51-minütige Improvisation. Das Trio mit Lorenz Kellhuber, Felix Henkelhausen und Moritz Baumgärtner lässt es geschehen. Live im Theater Regensburg im Dezember 2018 aufgenommen, kann man und muss man sich dem Klangfunkenflug überlassen. Ohne Eintauchen wird es nichts werden, doch seine Ohren und sein Gehirn muss man dazu nicht abgeben. Diese sind gefordert, mithörend mitzuimprovisieren. Beiläufig geht hier gar nichts. Dieses Jazztrio macht es einem alles andere als leicht dabei. Ohne extremes Hochdrehen von Virtuositätsgeplänkel treiben

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Frank Niehusmann / Hainer Wörmann – Kabel

Frank Niehusmann / Hainer Wörmann – Kabel

Eine Musik, bei der man nicht mehr ruhig sitzen kann, eine Herausforderung an das Nichtfassbare. Nicht nur, dass da die Klänge häufig in einer Zersplitterung herumblitzen, die gleichwohl bei allen von Kabel 1 bis 6 durchzifferten Stücken ein intern (homogenes)  Geräuschfeld aufbauen (das heißt schlicht, man kann zwischen den Tracks unterscheiden!). Die Kabel-Tracks sind von einer akustischen Intensität, zwischen Gewalt und Leere, dass man hörend weit weg sein dürfte von Gedanken ewiger musikalischer Kontemplation. Man kann den Klängen nicht trauen! Wenn denn dann mal ein Rauschband wie in Kabel 6

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Michael Formanek – Elusion Quartet: Time like This (2018)

Sich durchkreuzende Spiele, die gleichwohl eine atmosphärische Seligkeit verheißen. So geht es los. Es folgen expressivere Passagen wie im Duo aus Bass und Schlagzeug auf Track zwei. Langsam ergänzt sich Musik zum Quartett. Ein Zauberwerk aus zunächst folgen frei fließenden Einzelbewegungen, die sich dann wie von selbst verbinden – und wieder auseinanderströmen. Melodisch und rhythmisch außerordentlich komplex und doch zugleich nicht verwirrend. Bezaubernd luftig und intensiv dicht. Faszinierend wie sich das auch von CD mitteilt. Michael Formanek: Time like This Intakt Records Michael Formanek: Double Bass Tony Malaby: Tenor and

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Swiss Jazz Orchestra: Swiss Jazz Orchestra & Guillermo Klein (2019)

13 Tracks mit wunderbar ausbalancierten Arrangements. Nicht knallig, sondern subtil gestrickte Stücke, die einen einfach mitnehmen. Zuweilen kammermusikalisch zurückgenommen, durchsichtig und frei von billigen Überrumpelungseffekten aus dem Handbuch musikgeschichtlicher Erfolgsverfahren. Dabei erreicht man gleichwohl eine Komplexität in den Sätzen, die wundersam wirken. Dazu und darein fügen sich dann exzellente Soli der Einzelmusikerinnen. Klasse! Swiss Jazz Orchestra: Swiss Jazz Orchestra & Guillermo Klein Sunnyside Records Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden. Inhalt laden

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Ben Monder: Day After Day (2019)

Was für eine schöne Platte das! Wenn Ben Monder sich durch die Musikgeschichte, nicht nur des Jazz, bewegt, tupft er zupfend wunderbare Linien und Farben in die Ohren seiner Zuhörendenschaft. Selbst Messiaens „O Sacrum Convivium” klingt bezaubernd süß – wie hingegossen. Dass er auch den „Goldfinger” kann, belegt er auf der zweiten CD, die im Trio eingespielt wurde, die insgesamt ein bisschen schwächer ausfällt. Gerne gehört. Ben Monder: Day After Day / 2 CDs Sunnyside Records Ben Monder: electric & acoutic guitar Matt Brewer: electric & acoutic bass Ted Poor:

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Greg Reitan: West 6oth (2019)

Hat man auch nicht alle Tage, dass ein Kopfstück einer Jazztrio-CD den Titel „Hindemith“ trägt. Das Stück sitzt und ist auf den Punkt durchdacht. Kraftvoll, rhythmisch und harmonisch en bloc durchgestaltet. Überhaupt: Keine Langeweile kommt auf, weil jeder Track für sich stehen kann, seine eigene Farbigkeit hat, seine eigene musikalische Struktur ausbildet. Und es fließt dabei in ganz selbstverständlich dahin. Selbst der skurille „Hindemith“ schießt davon. Besonders die langsamen Tracks „When You Are Near” und sein solo auf “Four Piano Blues, Movement No. 3” gelingen in zärtlicher Süße und tiefer

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Denny Zeitlin: Remembering Miles (2019)

Eine ganze Scheibe voll mit Neuinterpretationen von Stücken des Trompeters Miles Davis. Transformiert als Standards aufs Klavier solo. Wobei man die Originale schon ein bisschen unter der Verarbeitungstechnik des Pianisten suchen muss – oder darf. Da löst sich die Musik in den Stücken auf, zerstäubt sich in alle musikalische Winde, setzt sich wieder (neu) zusammen. Gewitzt könnte man sagen und die Sache hochhängen: Alles Dekonstruktion. Das stimmt aber nicht. Die Zeitlin-Poetik überformt die Originale und macht aus ihnen eben Eigenes. Das ist wunderbar gespielt. Zeitlinstones für 2019. Denny Zeitlin: Remembering

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CD-Cover

Frederico Albanese: The Twelve (2019)

Im Lande des Halls ist alles möglich. Auch diese in sich kreisende und auf der Stelle tretende Musik. Es ist ja nicht so, dass das alles ohne Kunstfertigkeit geschehen würde. So wie ja auch poliertes Chrom an Autofahrzeugen einen Reiz ausübt. Der aufs Auge, dieser aufs Ohr. Der Dreiklang-Terror ist hier noch ein bisschen gebändigt in einem verlangsamten Wechselnoten-Tornado. Wer da sagt, das alles gehe schon in Ordnung, schließlich ist es ja ein Motion Picture Soundtrack, darf damit gerne leben bis ans Ende der Zeit. Die „Neuen Meister“ von heute

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