5. Dezember 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Vienna 1900

Vienna 1900
Vienna 1900
Auch hier stimmt die als Motto gewählte Jahreszahl nicht ganz. Vielmehr ist mit «Wien 1900» eher ein «Wien um 1900» gemeint – also jene Zeit, in der sich die alte Donaumetropole längst in eine Stadt mit mondänem Ring und historisierendem Rathaus gewandelt hatte (die heutige breite Einbahn-Autoschneise gibt so gut wie nichts mehr von der einstigen breitflächigen Anlage wieder). Von den ausgefahren Bahnen der Musik setzten sich Schönberg und sein Kreis schon in den ersten Jahren des neuen Säkulums ab, auch wenn man heute viel stärker ihre Nähe zu den Traditionen des 19. Jahrhunderts hört als möglicherweise die Zeitgenossen. Brahms (aber auch Wagner) bilden dabei den Ausgangspunkt einer Entwicklung, die von Alexander Zemlinsky über Arnold Schönberg bis hin zu Alban Berg (und später Anton Webern) reicht.

Freilich ist auf diesem Doppelalbum nur ein schmaler Ausschnitt jener Zeit abgedeckt, was etwa die Kombination mit dem Klaviertrio op. 1 von Erich Wolfgang Korngold deutlich macht: ein jugendliches Meisterwerk, geschrieben 1909 im Alter von nur zwölf Jahren. Es hätte noch weitaus mehr gebraucht, um wirklich ein breites Bild der Zeit zu entwerfen; hier haben wohl die Zwänge der Namen wirkliche Repertoire-Ausgrabungen verhindert. Selbst die Korngold’sche Juvenalie ist weithin bekannt, ebenso wie das bei einem Wiener Wettbewerb ausgezeichnete Klarinetten-Trio von Zemlinsky. Neu sind hingegen die aktuellen Mahler-Bearbeitungen von Ronald Kornfeil, die indes keine neuen Einsichten eröffnen. Auch mag man Weberns klanglich kondensierendes Arrangement der Schönberg’schen Kammersinfonie op. 9 etwas abgewinnen – das Original jedoch macht am Ende viel mehr deutlich, ist somit auch spannender in der Form und der Formung des Verlaufs. – Einspielt wurde alles von einem herausragenden Solistenensemble im Zuge des südfranzösischen Kammermusikfestivals Salon Provence im Sommer 2018, das wohl auch atmosphärisch seine Spuren hinterließ: So heiter leuchtend und musikantisch hört man diese Werke selten.

Vienna 1900
Erich Wolfgang Korngold. Klaviertrio op. 1; Alexander Zemlinsky. Klarinettentrio d-Moll op. 3; Gustav Mahler. Rheinlegendchen (aus: Des Knaben Wunderhorn) für Ensemble; Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen (aus: Kindertotenlieder) für Ensemble; Alban Berg. Klaviersonate op. 1; Vier Stücke op. 5 für Klarinette und Klavier; Adagio (aus: Kammerkonzert) arr. für Klarinette, Violine und Klavier; Arnold Schönberg. Kammersinfonie Nr. 1 (Arr. Alban Berg)
Daishin Kashimoto (Violine), Emmanuel Pahud (Flöte), Paul Meyer (Klarinette), Zvi Plesser (Violoncello), Eric Le Sage (Piano)

Alpha ALP 588 (2018)

HörBar<< Vienna 1905–1910
close
hoerbar_nmz

Der HörBar-Newsletter.

Tragen Sie sich ein, um immer über die neueste Rezension informiert zu werden.

DSGVO-Abfrage* *

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Teil 5 von 5 in Michael Kubes HörBar #070 – Anno Domini