3. Dezember 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Franz Schubert / Heinz Holliger

Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #045 - Sinfonisches
Franz Schubert / Heinz Holliger
Franz Schubert / Heinz Holliger

Mit diesem Album erreicht ein fünfteiliger Zyklus sein Ziel. Dabei haben es Heinz Holliger und das Kammerorchester Basel nicht allein auf die Sinfonien von Franz Schubert abgesehen, sondern wenigstens auch zwei Ouvertüren berücksichtigt (Fierabras und Zauberharfe). Vollständig ist damit das sinfonische Schaffen freilich längst nicht abgebildet – zumindest die reiferen Konzert-Ouvertüren hätten dazugehört, aber diese werden (wie so oft) offenbar einer Gattung scheinbar zweiten Ranges zugerechnet. Dafür bietet das finale Album dieser Reihe eine seltsame Mischung aus authentischem, gangbar gemachtem und bearbeitetem Schubert, die uns in Musik gebannte Vergänglichkeit vor Augen und Ohren führt. Zentrum bildet die vollendete «Unvollendete»; ihr geht das aus den letzten Wochen, wenn nicht gar Tagen Schuberts stammende mahlereske Andante h-Moll aus dem sinfonischen Entwurf D 936 A voran, ebenso der frühe, seltsam karge und klanglich (es-Moll!) irritierende Trauermarsch aus dem Jahr 1813 mit dem Titel Franz Schuberts Begräbniß-Feyer. Als Abgesang dient ein darauf von Roland Moser (geb. 1943) komponierter Echoraum (2019), der endgültige Schlusspunkt wird mit Weberns berückend licht instrumentierten Deutschen Tänzen (1931) gesetzt.

Wie schon in den vorausgegangenen Folgen erweist sich das Kammerorchester Basel als idealer Klangkörper, um die Partituren von dem ihnen angedichteten, noch immer mit reichlich Patina versehenen biedermeierlichen Schmelz zu befreien. Dass ausgerechnet Heinz Holliger als nunmehr altersweiser Meister die noch immer spürbare jugendliche Aufbruchsstimmung so frisch umsetzt, sollte weite Teile des Musiklebens beschämen. Dies gilt auch für diese Aufnahme, in der die «Unvollendete» nicht schickalsschwanger zelebriert wird, sondern ihre Intensität aus einer sich auf die musikalischen Momente verlassende Sichtweise bezieht. Man muss das Werk weder existenzialistisch noch in übertriebenen Akzenten deuten, um zu seinem Kern vorzudringen – mitunter reicht es schon, den Linien und Harmonien zu folgen und diese zu lesen. Und so entfaltet das Kammerorchester Basel bei kleinerer Streicherbesetzung eine beredte Kraft – während im Booklet unter Berufung auf den Dirigenten über ein «Lebensportrait» Schuberts schwadroniert wird. Es ist ja doch gerade das Verstörende, dass sich die näheren Umstände der Begräbnismusik wie auch der Sinfonie h-Moll oder der gänzlich neue musikalische Weg des «späten» Entwurfs allenfalls ansatzweise erklären lassen. Insofern wird hier der beglückende Blick auf die Werke selbst durch eine Konzept-Dramaturgie verstellt, die in ihrem Raunen nichts erhellt.

Franz Schubert. Andante aus der Sinfonie D-Dur D 936A, Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 „Unvollendete“, Franz Schuberts Begräbniß-Feyer es-Moll D 79; Roland Moser. Echoraum zu „Franz Schuberts Begräbniß-Feyer“ (2019); Franz Schubert. Deutsche Tänze D 820 bearbeitet für Orchester von Anton Webern (1931)
Kammerorchester Basel, Heinz Holliger

Sony 19075814432 (2020)

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