21. April 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Igor Levit / Fantasia

Igor Levit / Fantasia
Igor Levit / Fantasia
Noch einmal Fantasien – wenigstens auf dem Cover dieses Doppelalbums. Denn neben der Chromatischen Fantasie und Fuge von Johann Sebastian Bach und Ferruccio Busonis Fantasia contrappuntistica stehen Franz Liszts monumentale Sonate h-Moll wie auch Alban Bergs einsätzige Sonate op. 1 auf dem Programm. Fraglos eine dramaturgisch radikale Entscheidung (was soll danach noch kommen?), pianistisch aber mit Sicherheit eine tour de force. Den vier Schwergewichten auch noch vier kurze Encores zur Seite zu stellen, ist eigentlich eine schöne Idee, wenn da nicht der Beipackzettel des Labels Igor Levit selbst zitieren würde. Die kleineren Stücke seien «Eingänge […], die ich für intuitiv richtig halte.» Schade nur, dass Liszts Bearbeitung von Schuberts Doppelgänger der Sonate nicht vorangeht, sondern am Schluss der ersten CD nachfolgt, ebenso wie Busonis relativ kurze, doch verklärt leuchtende Nuit de noël der großformatigen Fantasie. Abgesehen von diesem Widerspruch erinnert mich die Abfolge an den nachträglich (und bedeutungsschwanger) um die Choralbearbeitung «Vor deinen Thron tret ich hiermit» ergänzte Kunst der Fuge.

Und dann wäre da noch der rote, werbende Sticker auf der Verpackung. Es ist nun wenig freundlich unter Kritikern, sich gegenseitig zu kritisieren. Aber man muss sich schon fragen, was der Kollege von der New York Times meinte mit dem Satz: «There is every reason to follow Levit wherever he leads.» Den geschichtsbewussten Pianisten sollte diese Formulierung zumindest irritiert haben; denn ein unreflektiertes, also mit Selbstaufgabe und Distanzverlust verbundenes «Folgen» ist selbst in musikalischen Dingen fatal. In der Marketingabteilung des Labels setzte man aber offenbar mehr auf die magische Zugkraft der Worte als diese zu reflektieren. – Ach ja. Klavier wird auch gespielt, und dies über 105 Minuten. Für Levit sind es Werke, die «die letzten Dinge» verhandeln (mit fällt dazu allerdings eher das Oratorium von Louis Spohr ein). Aber man kann die Kompositionen ja auch einfach als Musik hören, in der zahlreiche Aspekte – ebenso frei wie gebunden – revolutionär gedacht wurden. Bachs Chromatische Fantasie und Fuge lässt mich allerdings bei Levit (und seinem Steinway) vor allem in den rezitativischen Passagen ratlos zurück: Sie klingen massiv, unelastisch und verbissen auf den nächsten vollgriffigen Akkord zielend und lässt damit reichlich Platz für den Anfang der hier geheimnisvoll im Legato raunenden Fuge. Bei Liszts grandioser Sonate hingegen scheint das dynamische Spektrum des Flügels kaum Levits Intention zu genügen. Und statt den komplexen Verlauf strukturell zu denken und zu klären, zerteilt er ihn in isolierte, virtuose Genrebilder. Auch Bergs komprimierter, hochexpressiver Sonatensatz muss mit seltsam verhaltener Poesie auskommen, Busonis in der Anlage stark gegliederte Meta-Komposition zerfließt am Schluss gar in einem al fresco. – Es ist eine Einspielung, an der sich die Geister scheiden und noch lange scheiden werden, die aber auch eine klar formulierte Positionierung gegenüber den Interpretationsmöglichkeiten fordert.

Fantasia
Johann Sebastian Bach. Air aus Orchestersuite Nr. 3 BWV 1068 (arr. Alexander Siloti); Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903; Franz Liszt. Klaviersonate h-Moll (S 178); Franz Schubert / Franz Liszt. Der Doppelgänger (S 560/12), aus: Winterreise D 911; Alban Berg. Klavierstück h-Moll; Klaviersonate op. 1; Ferruccio Busoni. Fantasia contrappuntistica BV 256; Nuit de Noel BV 251
Igor Levit (Klavier)

Sony 19658811642 (2023)

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