4. Dezember 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Johannes Brahms / Iván Fischer

Teil 2 von 5 in Michael Kubes HörBar #045 - Sinfonisches
Johannes Brahms / Iván Fischer
Johannes Brahms / Iván Fischer

Mit wechselnder Intensität nehmen sich Iván Fischer und sein Budapest Festival Orchestra des großen romantischen Repertoires an. Manches überrascht dabei, anderes erfüllt (auf hohem Niveau) die gesetzten Erwartungen nicht ganz. So auch bei diesem Album, das nach mehr als zehn Jahren nicht nur die Gesamteinspielung des vierteiligen Zyklus‘ abschließt, sondern auch eine der beiden viel zu selten gespielte Serenaden berücksichtigt. Dass die rundweg sehr ordentliche und in sich stimmige Aufnahme der dritten Sinfonie bei mir keinen Ehrenplatz am CD-Player erhält, liegt an verschiedenen Aspekten, die sicherlich etwas mit persönlichen Vorlieben zu tun haben, sich aber auch objektivieren lassen. So fehlt es dem Kopfsatz schlichtweg an jenem «brio», das in der Tempobezeichnung verlangt wird. Statt die melodischen und harmonischen Verläufe nach vorne zu denken, bleiben die einzelnen Linien eher geschlossen als offen und damit auf den Moment bezogen. Zahlreiche Details der durchbrochenen Faktur treten dabei in überraschender analytischer Klarheit hervor, der die Form gedanklich umfassende Bogen hingegen zurück.

Es ist eine Einspielung, an der man mit der Partitur in der Hand Vergnügen finden wird, die indes die emotionale Komponente dieser Musik wenn zwar nicht negiert, so doch aber deutlich unter der gefühlten Körpertemperatur hält. Hinzu kommen einige für meinen Geschmack nicht ganz ausgehörte Stellen, wie im Kopfsatz der Übergang zur Reprise, im langsamen Satz das Klarinetten-Solo, zu Beginn des Allegretto der nur hier so differenziert phrasierte Auftakt. Wie anders ist der Eindruck bei der frühen Serenade op. 16: Die ohnehin schon durchsichtige Anlage der Partitur scheint Fischers Ansatz geradezu in die Hände zu spielen. Am Ende ist man einigermaßen verblüfft von der ganz anderen Intensität dieses Werkes – und dem inneren wie äußeren Abstand zur erst viel später vollendeten ersten Sinfonie. In der Serenade liegt das unerwartete Gewicht des Albums.

Johannes Brahms. Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90, Serenade Nr. 2 A-Dur op. 16
Budapest Festival Orchestra, Iván Fischer

Channel Classics CCS SA 43821 (2020)

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