24. Juli 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Without Borders / Can Çakmur

Without Borders / Can Çakmur
Without Borders / Can Çakmur
Wenn nicht alles täuscht, so wird Can Çakmur sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten als einer der profiliertesten Pianisten nicht nur seiner Generation etablieren. Einige Preise hat er bereits gewonnen – was mich persönlich aber weit mehr interessiert, ist seine Art der Interpretation, einer sehr markanten Herangehensweise an Musik verschiedener Epochen. Aktuell steht er bei dem auch für Überraschungen bekannten schwedischen Label BIS unter Vertrag – und ich hoffe, dass dies trotz der vielen Veränderungen auf dem Musikmarkt noch lange so bleibt. Offensichtlich darf sich der 1997 geborenen Can Çakmur hier in hochprofessioneller Umgebung künstlerisch ausprobieren und finden und liefert mit jedem Album einen neuen Beweis seiner musikalischen Gestaltungskraft. Ob mit Liszt, Schubert oder auf diesem «grenzenlosen» Album: Seine Interpretationen überzeugen technisch wie substanziell.

In diesem Fall sind den drei Oliven des Covers vier Komponisten mit jeweils einem Werk zugordnet: neben Béla Bartók (Sonate) und George Enescu (Sonate Nr. 3) sind es Dimitri Mitropoulos (1896–1960) und Ahmed Adnan Saygun (1907–1991) – Musik, die von Çakmurs türkischer Heimat aus gesehen kurioserweise eher «westlich« anmutet. Die Frage der Geographie führt einen mitunter in erstaunliche gedankliche Sackgassen. Vom Repertoire her ist vermutlich Mitropoulos’ Passacaglia, Intermezzo e Fuga (1924) am interessantesten, vermutlich deshalb, weil man hier dem bekannten Dirigenten einmal auch als Komponisten auf der Höhe der Zeit begegnet. Nicht weniger aufregend ist die sehr späte Sonate (1990) des Ägypters Saygun, von dessen Werken schon seit einiger Zeit wenigstens eine Auswahl auf CD vorliegt. Sie macht deutlich, wie man unabhängig von allen scheinbar «aktuellen» Strömungen selbstbewusst und eigenständig komponieren kann. – Es ist ein Album, wie man es vielleicht nur von und mit Can Çakmur finden wird. In der klugen Auswahl des Repertoires zeigt sich ein neuer und hoffentlich weiterhin unabhängiger pianistischer «Denker».

Without Borders.
Béla Bartók. Klaviersonate Sz. 80; Dimitri Mitropoulos. Passacaglia, Intermezzo e Fuga (1924); Ahmed Adnan Saygun. Klaviersonate op. 76; George Enescu. Klaviersonate Nr. 3 D-Dzr op. 24/3
Can Çakmur (Klavier)

BIS BIS-2630 (2021)

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Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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