15. Juni 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Martinsson / op. 100

Martinsson / op. 100
Martinsson / op. 100
Die Welten sind recht verschieden. Während überall gerne eine «100» gefeiert wird (wie nun in der Hörbar), scheinen sich Komponisten und Verleger in der Regel um diese Zahl nicht zu kümmern. Denn schaut man einmal diverse Werkverzeichnisse durch, so findet sich kaum wirklich Herausragendes an dieser Stelle – Franz Schubert und sein Klaviertrio Es-Dur ausgenommen, allerdings ist auch sein Opus 99 (B-Dur) ein Werk dieser Gattung… Bei der Durchsicht der Regale bin ich dann aber doch bei Rolf Martinsson (* 1956) hängen geblieben – und zwar bei einem interessanten Album, das nicht nur einen fünfteiligen Zyklus von Orchesterliedern enthält: Ich denke dein… op. 100 (2014), sondern auch drei Kompositionen, die ganz real zu Feierstunden entstanden – Eröffnungswerke mit Fanfarengetön und musikalischem Muskelspielereien: Opening Sounds op. 94 (2012) entstand im Auftrag der Württembergischen Philharmonie Reutlingen zur Einweihung des neuen Konzertsaals, Tour de force op. 95 (2013) wurde von den Göteborger Philharmonikern als Konzert-Opener in Auftrag gegeben, und Into Eternity op. 103 (2015) eröffnete den Konzertsaal Malmö Live.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde eher entschuldigend mit derartigen Gelegenheitswerken umgegangen, ob Ouvertüre oder hochuniversitäre Jubiläums-Kantate). In der Regel verschwinden derartige Partituren meist ungedruckt in den Archiven: zu gefällig, zu wenig ambitioniert. Diese Überlegungen und die Causa um die 12. Sinfonie von Allan Pettersson (einem aus der Fassung geratenen Jubiläumswerk) gingen mir bei den eingespielten Kompositionen von Rolf Martinsson durch den Sinn. Ein breites Publikum wird diesen Partituren sofort und gerne applaudieren können. Das muss kein Nachteil sein, aber ich habe den Eindruck, dass derartige Kompositionen mit der Uraufführung unmittelbar abgebrannt sind. Anders vielleicht im Fall von Martinssons Opus 100, bei dem er in der Auswahl seiner Texte hoch greift: Goethe, Rilke, Eichendorff – mit musikgeschichtlich so gewichtigen Versen wie Nähe des Geliebten, Die Liebende schreibt und Mondnacht (spätestens jetzt wird wohl mancher an einen selbst durchgearbeiteten Analysekurs denken – Schumann!). Bei Martinsson lebt der Zyklus durch den hellen Sopran von Lisa Larsson, der die Nummern auch auf den Leib geschrieben wurden. Stilistisch irrlichtert der Komponist freilich zwischen postromantischen Versatzstücken und Allusionen an diverse Filmscores. Mir scheint ihm gar die pointierte und kalkulierte Instrumentation wichtiger als die Substanz. Bei dieser «Einhundert» macht sich etwas Katerstimmung breit.

Nach fünf Jahren Hörbar eine kleine Feierstunde mit Rückblicken. In der Folge #100 stehen Alben und Werke im Mittelpunkt, die sich auf ganz eigene Weise explizit der „Einhundert“ widmen. Nicht alles ist dabei brandneu (das liegt oft genug in der Natur der Sache) – und doch ist jede Scheibe nach wie vor lieferbar.


Rolf Martinsson. Ich denke dein … op. 100; Opening Sounds op. 94; Tour de force op. 95; Into Eternity op. 103
Lisa Larsson (Sopran), Malmö Symphony Orchestra, Paul Mägi

BIS-2323 (2019)

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