24. Juli 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Bach: Keyboard Works – Scott Ross

Es ist eine Box, auf die man lange warten musste, die nun aber ein musikalisches Vermächtnis würdigt, das schon lange drohte, im Business-Strudel unterzugehen. Denn während Scott Ross mit seiner Einspielung aller 555 einsätzigen Sonaten von Domenico Scarlatti Schallplatten- und Interpretationsgeschichte geschrieben hat (1984/85), sind seine wenigen Bach-Produktionen Raritäten geblieben.

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Bach: Keyboard Works – Scott Ross
Bach: Keyboard Works – Scott Ross

Nach einer Aufnahme der Werke von Henri d’Anglebert (1629–1691) sollte ein kompletter Zyklus der Bach’schen Werke folgen. Ein Mammutunternehmen, das aber Fragment blieb – mehr noch: von dem nur der erste Anfang vorliegt. Denn so wie die Karriere von Scott Ross in den 1980er Jahre kometenhaft aufzuleuchten begann, so verglühte sie bereits nur wenig später mit seinem Tod am 13. Juni 1989. Ross wusste um das nahe Ende und beschleunigte in den letzten Monaten nochmals das Tempo seiner rastlosen Aktivitäten.

Unangepasst und ein wenig genialisch mutet noch heute sein Leben an. Allerdings sollten lange Haare, Bart und Boots (damals undenkbar!) nicht täuschen: Seinem Spiel liegt ein unentwegter Fleiß an Orgel und Cembalo zugrunde. Der sensationelle 1. Preis beim Brüsseler Cembalo-Wettbewerb 1971 blieb folgenlos – zu einer Zeit, als am Horizont die «historische Aufführungspraxis» zu dämmern begann. Und so sind auch die in dieser Box vorgelegten Einspielungen zu hören: Sie sind für heutige Ohren weit weniger radikal als sie damals erschienen, und sie zeigen (das sollte nicht vergessen werden) auch in der vorliegenden Kompilation eher den Weg, der gegangen worden wäre. Denn bei Erato erschienen lediglich die Clavierübung I sowie Teile der Clavierübung II und III; alles weitere in dieser Box stammt von ursprünglich anderen Labels und Archiven: die Goldberg-Variationen (1988) wurden bei der EMI aufgenommen, die beiden Teile des Wohltemperierten Klaviers (1980) sowie Orgelwerke (1979 und 1982) wurden von Radio Canada aufgenommen. Hinzu kommen einige Live-Mitschnitte, die zwar akustisch nicht als herausragend bezeichnet werden können, von denen allerdings eine faszinierende interpretatorische Präsenz, stilistisch im französischen Dialekt, ausgeht.

Wenigstens ist im Booklet angedeutet, dass von Scott Ross noch weitere, nicht unter Lizenz genommene Bach-Einspielungen älteren Datums vorliegen. Dass die Scarlatti-Sonaten allerdings «nie neu aufgelegt wurden», trifft schlichtweg nicht zu und hätte vom Label richtiggestellt werden müssen. Ich erinnere mich jedenfalls an die unvergessliche Simultan-Präsentation aller CDs in einer Harald Schmidt Show (2006, SAT.1), die auch in der überregionalen Tagespresse ein Echo fand.


Johann Sebastian Bach: Keyboard Works

  • Partiten BWV 825–830,
  • Italienisches Konzert BWV 971,
  • Chromatische Fantasie und Fuge BWV 903,
  • Ouvertüre im französischen Stil BWV 831,
  • Duette BWV 802–805,
  • Choralpartita BWV 768,
  • Choral BWV 658,
  • Toccata und Fuge BWV 566,
  • Choräle BWV 669–671, 675, 677–679, 681, 682, 685,
  • Präludium und Fuge BWV 535,
  • Choräle BWV 711, 666, 665, Fantasie BWV 572,
  • Triosonate BWV 528,
  • Toccata und Fuge BWV 538,
  • Goldberg-Variationen BWV 988 (Live 1985),
  • Goldberg-Variationen BWV 988 (Studio 1988),
  • Wohltemperierte Klavier I und II BWV 846–893,
  • Toccata BWV 912, Präludium, Fuge und Allegro BWV 998,
  • Toccaten BWV 914, 916,
  • Brandenburgisches Konzert Nr. 6 BWV 1051 für 2 Cembali, Cembalokonzert f-Moll BWV 1056

Scott Ross (Cembalo, Orgel), Huguette Grémy-Chauliac (Cembalo), Ensemble Mosaïques, Christophe Coin

Erato 0190295458423 (1976–1988)

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