20. Mai 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Franz Liszt / Gabriel Stern

Franz Liszt / Gabriel Stern
Franz Liszt / Gabriel Stern
Auch wenn hier die Études d’exécution transcendante in der letzten Fassung von 1851 eingespielt wurden: diese Sammlung fasziniert nicht nur durch ihre in kaum erreichbare Höhen getriebene Virtuosität, sondern mehr noch durch die Vorstellung, dass eine erste Fassung bereits 1826 (!) niedergeschrieben wurde, als Franz Liszt gerade einmal 15 Lenze zählte, Mendelssohn seine Sommernachtstraum-Ouvertüre komponierte, Beethoven den Kanon «Wir irren allesamt, nur jeder irret anders» notierte und Schubert seine drei großen letzten Sonaten noch nicht zu Papier gebracht hatte. Wie so oft spiegeln sich in nur einem Jahr ganz verschiedene musikgeschichtliche Entwicklungen, die nicht immer miteinander in Beziehung stehen, sondern eher die Gleichzeitigkeit des (vermeintlich) Ungleichzeitigen beschreiben. Dabei ist es gerade (wie so oft im Leben) diese Inhomogenität, die neue Wege ermöglicht, Vielfalt erzeugt, Kreativität fördert und herausfordert.

Vermutlich angeregt durch das von seinem Lehrer Carl Czerny vermittelte Wohltemperierte Klavier plante Liszt zunächst 48 Etüden in einem doppelten Kursus. Der Plan blieb auch noch 25 Jahre später unausgeführt, selbst die in einem Titel zwischenzeitlich auf 24 Etüden reduzierte Anzahl wurde nie erreicht. Am Ende blieb nur das, was bereits am Anfang vorlag: zwölf Etüden «transzendentaler Ausführung» in einem halben Durchgang durch den Quintenzirkel fallend mit jeweils angehängter paralleler Molltonart (mithin von C–a nach Des–b). Obgleich wohl kaum eine «zyklische» Aufführung intendiert war, so ist diese üblich geworden – nicht zuletzt, weil auf diese Weise Pianist:innen alle Facetten ihres technischen wie gestalterischen Vermögens präsentieren können. Und natürlich fasziniert die Sammlung als solche, denn kaum an anderer Stelle finden sich die handwerklichen Anforderungen und musikalischen Möglichkeiten jener Dekaden so grundlegend gebündelt. Auch Gabriel Stern hat davon offenbar eine sehr genaue Vorstellung. Sein stupendes Handwerk mag erstaunen, zugleich stellt es für ihn aber nur die Grundlage dar für eine äußerst schlüssige, spielerische, atmende und Ausdruck generierende Interpretation. Akustisch sehr angenehm und eher trocken eingefangen präsentiert Stern keine akrobatischen Nummern, sondern hochspannende Musik – bei der man nun nur allzu gern einmal die unterschiedlichen Fassungen vergleichen möchte …

Franz Liszt. Études d’exécution transcendante S. 139
Gabriel Stern (Klavier)

Mirare MIR 596 (2021)

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Ein Kommentar

  1. Mir gefällt an Ihrer Besprechung der Blick auf den werkhistorischen Hintergrund. Dass «zyklische» Aufführungen üblich geworden sind, hat mich überrascht. Das mag stimmen, scheint aber selten vorzukommen. Ihre Rezension hat mich veranlasst, das Album anzuhören.

    Dass ich einen Kommentar schreibe, hat aber Gründe, die darüber hinaus gehen. Wenn ich die Wette wagen würde, dass Sie von Yunchan Lim noch nicht bzw. noch nichts gehört haben, bin ich mir zwar nicht sicher, zu gewinnen, vermute aber gute Chancen. Denn: weder in der Süddeutschen Zeitung (abonniert als e-Paper), noch in der ZEIT, der NZZ, der FAZ und weiteren namhaften Zeitungen – in diesen Fällen per Internet Recherche – habe ich einen Bericht über den Van-Cliburn-Wettbewerb des Jahres 2022 gefunden. Im Jahr 1966 waren Radu Lupu, Rudolph Buchbinder und Benedikt Koehlen Preisträger dieses berühmten Wettbewerbs:
    https://cliburn.org/?performer=1966-cliburn-competition

    Im letzten Jahr wurde Yunchan Lim mit der Gold Medal ausgezeichnet. Er ist sicherlich einer der ungewöhnlichsten Preisträger in der Historie von THE CLIBURN: er erhielt den 1. Preis als 18-Jähriger, am 10. Juni 2022 spielte er in der Semifinal-Runde Liszts 12 Etudes d’exécution transcendante. Am 7. Juli 2023 veröffentlichte das Steinway & Sons Label diesen Live-Auftritt weltweit auf CD und bei Streamingdiensten. Bei YouTube sind die Videos aller Preisträger verfügbar.

    Man kann ja nicht alle veröffentlichten Aufnahmen dieser Etuden kennen, ich weiß auch nicht, ob eine weitere Live-Interpretation je zuvor auf Tonträger erschienen ist. Von allen, die ich kenne, ist Yunchan Lims Interpretation für mich die transzendenteste. Er ist ein großartiger Erzähler und Schilderer all dieser Geschichten, der spukhaften und naturnahen Erscheinungen. Selten habe ich Stücke wie Mazeppa, Feux Follets, Ricordanza, Chasse-neige so überlegt respektive überlegen orchestriert wahrgenommen, und er ist in der Lage den pianistischen Schwierigkeiten eine wunderbare Schwerelosigkeit zu verleihen.

    «Wir hören allesamt, nur jeder hört anders» – es ist also angemessener, einfach zu hören was ohnehin nicht durch Worte spürbar gemacht werden kann. Am einfachsten geht das über YouTube

    jedoch in besserer Klangqualität – freilich ohne Bild – bei bekannten Streamingdiensten.

    Soweit ich es beurteilen kann, steht Yunchan Lims Deutschland-Debut noch bevor. Im November wird er in der Isarphilharmonie München mit den Philharmonikern unter der Leitung von Myung-Whun Chung Beethovens 4. Klavierkonzert aufführen.
    https://www.mphil.de/konzerte-und-karten/kalender/konzerte/beethoven-2023-11-15-2177

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