20. Juni 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Glinka revisited / Viacheslav Shelepov

Glinka revisited / Viacheslav Shelepov
Glinka revisited / Viacheslav Shelepov
Das «revisited» kennt man sonst aus wissenschaftlichen Aufsätzen, wenn alte Themen und Argumentationen nochmals aus einer neuen Perspektive beleuchtet werden. Bei diesem Album mit Klaviermusik von Michail Glinka (1804–1857) stellt sich jedoch die Frage, ob man sich diesem eher unbedeutenden Teils seines Schaffens überhaupt schon einmal musikpraktisch gewidmet hat, generell und auf einem ansprechenden, hohen Niveau. Am Ende der Überprüfung und Wiederbelebung der kleinformatigen Stücke steht aber eine doppelte Bereicherung: Zum einen wird das Bild des vor allem durch seine beiden großen Opern bekannten Komponisten bedeutend erweitert, zum anderen handelt es sich hier um Interpretationen, die diese Musik in jeder Phrase respektieren und mit Sinn für das schwierige Verhältnis zwischen Form und Freiheit zum wahren Leben erwecken.

Dass es bei Glinka nur «Stücke» sind und keine «Sonaten», darf angesichts der musikästhetischen Situation in Europa wie auch der musikalischen Infrastruktur im damaligen Zarenreich nicht verwundern. So oder so war es von der Irischen See bis zur Donau in den 1830er und 1840er Jahren um die Sonate nicht zum Besten bestellt, und in Moskau wie St. Petersburg spielte sich das Musikleben zwischen Oper und Salon ab; ein öffentliches Konzertleben (auch mit sinfonischen Werken) war noch nicht etabliert. Und so entfaltet Viacheslav Shelepov mit viel Feingefühl einen ganzen Fächer verschiedener Stile, Topoi und Gattungen, mit denen sich Glinka hörbar musikalische Orientierung zu verschaffen versuchte – zwischen strenger Fuge, klassischen Variationen und ganz auf der Höhe der Zeit stehenden Mazurka-Klängen à la Chopin. Es ist dem formidablen Spiel von Viacheslav Shelepov und dem sehr schön intonierten Erard-Flügel aus dem Jahre 1846 zu verdanken, dass dieses Album am Ende größer und interpretatorisch gewichtiger erscheint als die Werke selbst. Den Grund dafür liefert bereits Boris Filanovsky in seinem Booklet-Essay mit Blick auf Shelepov: «Es ist, als ob er diese Stücke selbst komponieren würde.»

Glinka revisited
Michail Glinka. Variationen über die Romanze «Die Nachtigall» von Aljabjew; Nocturne Es-Dur; Walzer Es-Dur (1839); Mazurka F-Dur (1835); Souvenir d’une mazurka; Nocturne f-Moll «La séparation«; Variationen über ein Schottisches Thema; Variationen über ein russisches Lied; Gebet; Fuge D-Dur; Barcarolle G-Dur; Variationen über ein Thema aus der Oper «I Capuleti e i Montecchi» von Bellini
Viacheslav Shelepov (Erard-Fortepiano 1846)

Piano Classics PCL 10258 (2022)

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