26. Oktober 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Imants Kalniņš: Complete Symphonies

Teil 4 von 5 in Michael Kubes HörBar #033 – Sinfonisches
Imants Kalniņš: Complete Symphonies
Imants Kalniņš: Complete Symphonies

Imants Kalniņš (geb. 1941) ist ein Wanderer zwischen den Welten. Klassisch an der Lettischen Musikakademie ausgebildet, schrieb er insgesamt sieben Sinfonien, Kantaten und Chorwerke – aber auch die Rockoper Ei, jūs tur! (Hey, ihr da!, 1971), ein Rockoratorium Kā jūra, kā zeme, kā debess (Wie das Meer, wie die Erde, wie der Himmel, 1984) sowie zahlreiche Songs. Wer als Purist mit den klassischen Werken des populären Grenzgängers Andrew Lloyd Webber hadert, sollte dennoch die Musik von Kalniņš nicht zu schnell auf die Seite legen. Zu einem vergleichbaren internationalen Erfolg hat er es wohl nur deshalb nicht gebracht, weil ihm zu lange der Schatten des Eisernen Vorhangs im Wege stand. Gelegentlich hört man neuerdings den von rhythmischen Ostinati durchzogenen Kopfsatz seiner «Rocksinfonie» Nr. 4 (1973) von jungen Orchestern als bedeutende Zugabe gespielt – doch bietet das Œuvre von Kalniņš wahrlich mehr als diesen Bolero-Verschnitt ohne «Happy End». Gleichwohl lassen sich Konstanten benennen: Da wäre zunächst die starke Affinität zu klaren Rhythmen, die von der Schlagzeug-Sektion getragen werden, dann fallen die vielfach in großen Bögen breit ausgesungenen einstimmigen Linien auf, die von einer seltsam changierenden, archaisch wie orientalisch-asiatisch anmutenden Tonalität getragen werden. Selten nur begegnet man wirklichen kontrapunktischen Passagen (wie im Scherzo der Nr. 5); formal macht es Kalniņš den Hörern mit seinen reihenden Verläufen und einer mitunter plakativen Instrumentation leicht. Doch lohnt es sich genauer auf die Jahreszahlen zu schauen: Dann fällt sofort der nach 1979 eintretende Umbruch auf; die nach 2001 entstanden Werke (beginnend mit der Sinfonie Nr. 6) wirken durchgehend lichter und freundlicher, können sich aber auch nicht dem Sog einer Breitband-Ästhetik entziehen. Was also bleibt von der Werkschau auf 5 CDs? Zunächst einmal die Erkenntnis, dass Komponisten nicht zu rasch schubladisiert, dass einzelne Werke ihres Schaffens nie isoliert gehört werden sollten. Denn was bei Kalniņš zuletzt so banal klingt (Sinfonie Nr. 7, 2015), ist bereits in den früheren, weitaus interessanteren Werken angelegt – ganz so, als ob an einer Gabelung der «andere» Weg beschritten wurde. Man mag dies am Ende für problematisch halten, doch es hat für den lettischen Komponisten in der Gesamtschau eine Berechtigung. Und genau darin liegt wohl der Gewinn dieser zum 80. Geburtstag von Imants Kalniņš erschienenen Werkschau, die auf durchgehend gutem Niveau, sonor im Klang, akustisch höchst angenehm und keineswegs «überredend» vom Sinfonieorchester aus Liepāja (Libau) musiziert wird.

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Imants Kalniņš: Complete Symphonies & Concertos
Pēteris Endzelis (Oboe), Marta Subraba (Violoncello), Liepāja Symphony Orchestra, State Choir «Latvija», Atvars Lakstīgala, Māris Sirmais

LMIC / Skani 087 (2014–2020)

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