24. Juli 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Irgendwo auf der Welt / Pia Davila

Irgendwo auf der Welt / Pia Davila
Irgendwo auf der Welt / Pia Davila
Ein wenig Filmschlager-Melancholie macht sich breit mit «Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück» aus dem Jahre 1933 – ein tiefer Seufzer, der noch heute aktuell wirkt und vermutlich daher auch für das Album titelgebend wurde. Mit insgesamt 28 Songs und Liedern deckt es ein breites Spektrum ab, vor allem mit Musik von Komponist:innen, die nach den 1933 einsetzenden politisch, kulturell oder «rassisch» motivierten Säuberungen verfolgt, wenn nicht gar in einem der Vernichtungslager ermordet wurden. Und so steht neben der Heiterkeit so mancher Nummer auch ein gewichtiger Schatten – selbst bei jenen Stücken, die bereits vor oder auch erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Das betrifft auch den Sarkasmus von Georg Kreisler.

Freilich: Pia Davila geht die Sache ein wenig einseitig an. Auch wenn sie gelegentlich mit der Stimme spielt, so bleibt mir doch vieles – ohne gewitzte Doppelbödigkeit – doch zu sehr am eigentlichen Wortsinn haften. Noch nie habe ich die Aufforderung, Tauben im Park zu vergiften, so «schön» gehört wie hier. Auch der «kleine grüne Kaktus» gerät fast verkünstelt. Vielleicht liegt es auch am Raum, der größer ist als die Nähe zu einem alten Rundfunk-Mikrophon, das Unmittelbarkeit einfordert. Atmosphärisch dichter und damit auch gelungener sind hingegen all jene Lieder, denen eine gewisse Traurigkeit anhaftet – wie die Regenlieder von Erich Zeisl (1905–1959) und Ilse Weber (1903–1944). Bei den Metadaten muss man aufpassen: Das Pantherlied von Rudi Stephan (1887–1915) wird in der Trackliste mit «1921» datiert, gemeint ist damit jedoch das posthume Druckdatum; entstanden ist das Lied 1913/14.

Irgendwo auf der Welt
Erich Zeisl. Vor meinem Fenster (1936); Die fünf Hühnerchen (1932); So regnet es sich langsam ein (1927); Ein Regentag (1937/38); Regen (1931); Der Schäfer (1936); The Lonley Shepherd (1944); Kater (1931); Joseph Achron. Das Täubchen flog vorüber (1923); Arnold Schönberg. Im Fliederbusch ein Vöglein saß (1895); Der genügsame Liebhaber (1901); Georg Kreisler. Walzer aus der Klaviersonate (1952); Frühlingslied (1956); Zufall auf den Wiesen (1965); Ruth Schonthal. Poor Bit of a Wench (1977); A Woman’s Last Word (1977); Ilse Weber. Und der Regen rinnt ; Wiegala (1942/44); Mischa Spoliansky. Ich bin ein Vamp (1933); Othmar Schoeck. Warum leckst du dein Mäulchen (1906); Rudi Stephan. Pantherlied; Paul Ben-Haim. Arabic Song (1956); Ursula Mamlok: On Top of a Hill (1942); Rosy Wertheim: Scherzo (1933); Bert Reisfeld / Albrecht Marcuse. Mein kleiner grüner Kaktus (1934); Oskar Fried. So sprach ein Weib voll Schüchternheit (1903); Stefan Wolpe. Ansprache einer Bardame (1929); Werner Richard Heymann. Irgendwo auf der Welt (1932)
Pia Davila (Sopran), Linda Leine (Klavier)

Es Dur ES 2087 (2021)

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Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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