24. Juli 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Berlin! / Andreas Sieling

Berlin! / Andreas Sieling
Berlin! / Andreas Sieling
Einspielungen mit Orgelmusik sind vielschichtig. Es geht dabei nicht nur um das ausgewählte Repertoire und die ausführenden Musiker:innen, vielmehr spielt bei der Interpretation auch die Wahl des jeweiligen Instruments eine herausragende Rolle. Denn je nach Epoche und Klangästhetik sowie Bauweise, Disposition und Raum lassen sich ganz unterschiedliche Farben und Wirkungen erzielen (vor allem bei älteren Instrumenten kommt noch die Frage des Stimmtons und der vorliegenden Stimmung hinzu). Und so ist eigentliches jedes Album zugleich ein Portrait des jeweiligen Instruments und der von der Tontechnik direkt oder räumlich eingefangenen Akustik.

Auf diesem Album werden die Sauer-Orgel von 1905 und der Berliner Dom durch Andreas Sieling vorgestellt. Mit vier Manualen, 113 Registern und einer pneumatischen Traktur handelt es sich um ein romantisch-sinfonisch angelegtes Instrument – ein Typus, der im 20. Jahrhundert vielfach der neobarocken Orgelbewegung zum Opfer fiel. Im Berliner Dom blieb die Orgel trotz anhaltender Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg und danach glücklicherweise in der Substanz erhalten und konnte gemeinsam mit dem Dom als Ganzem restauriert und 1993 wieder eingeweiht werden. Eingespielt hat Andreas Sieling Werke von den Berliner Komponisten Otto Dienel (1839–1905), Franz Wagner (1870–1929), August Haupt (1810–1891) und die Sonate op. 16 von Philipp Rüfer (1844–1919), die so gleichsam im «authentischen Gewand» orchestral und mit feinsten Abstufungen vorgestellt werden. Für die Präludien und Fugen op. 37 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1837/38) ist das Instrument allerdings deutlich zu jung und technisch zu ambitioniert. – Es ist kein Geheimnis, dass die Anforderungen an solche Einspielungen inmitten einer Großstadt besonders schwer zu erfüllen sind: Dem Lärm und den Nebengeräuschen kann man nur nachts entgehen. Hier wird am Ende mit einem Bonustrack (Berliner Luft) ein Stück Realität eingefangen, dem man am besten unter einem Kopfhörer schmunzelnd lauscht…

Berlin! Orgelwerke von Berliner Komponisten
Felix Mendelssohn Bartholdy. Präludien und Fugen op. 37; Otto Dienel. Nun ruhen alle Wälder op. 52/25, Allegro scherzando op. 37; Franz Wagner. Trionfo della Vita (Phantasiestück) op. 76; August Haupt. Konzertfuge C-Dur; Philipp Rüfer. Sonate op. 16

Andreas Sieling (Sauer-Orgel Berliner Dom)
MDG 946 2161-6 (2019)

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Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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