18. Juli 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Maria Stange / Solo

Maria Stange / Solo
Maria Stange / Solo
Die Einspielung ist so direkt in der Abbildung des Tons, dass man unversehens eine ganze Menge über das Instrument, die zahlreichen Varianten der Zupfens und die damit verbundenen Klangfarben lernt. Fast könnte man von einer enzyklopädischen Schau sprechen, hört man unter dieser Perspektive etwa die herausragende frühromantische Fantasie von Louis Spohr, an der auch das Jahr der Entstehung (1807) verblüfft, das à l’espagnole aus den zwei Divertissements (1924) von André Caplet, oder auch die Scintillation von Carlos Salzedo – ein Werk, das wegen seiner extremen aufführungspraktischen Herausforderungen unter Harfenistinnen und Harfenisten gefürchtet ist.

Die Aufnahme setzt sich mit solch einer auf Präzision eingestellten klanglichen Lupe von vielen der üblichen Produktionen ab, die das Instrument eher atmosphärisch deuten und das engelsgleiche Glissando idiomatisch in den Vordergrund rücken. Maria Stange, die in München lebt und an den Musikhochschulen in Stuttgart und Karlsruhe unterrichtet, legt mit einer solch akustisch geschärften Einspielung, bei der jeder Ton seziert werden kann, ihre souveräne Spielkultur in allen Facetten offen. Das stimmt nicht nur sympathisch, sondern offenbart auch eine Leidenschaft für das Instrument, die sich beim Hören überträgt. Am Ende hat man dann auch eine Vorstellung davon, welch künstlerisches Potenzial in der Harfe steckt. Eine wunderbare Hörerfahrung!

Nino Rota. Sarabanda (1945); Johann Sebastian Bach. Sarabande aus der Lautensuite BWV 996; Benjamin Britten. Interlude aus «Ceremony of Carols» op. 28 (1942); Gabriel Fauré. «Une châtelaine en sa tour» op. 110 (1918); André Caplet. Deux Divertissements (1924); Louis Spohr. Fantasie c-Moll op. 25; Carlos Salzedo. Scintillation (1937)
Maria Stange (Harfe)

Finetone FTM 8064 (2014, 2020)

HörBar<< Julia Wacker / Widmung

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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