28. Januar 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Strawinsky / Chailly / Decca

Strawinsky / Chailly / Decca
Strawinsky / Chailly / Decca

Die Erfahrung des Lebens lehrt, dass man nicht allzu lange auf eine momentan gewährte «Exklusivität» zählen kann. So mag man dem Zusatz «Limited Edition« schon gar nicht mehr recht Glauben schenken. Zu oft konnte man unter diesem alarmierenden Werbebanner in der Vergangenheit einfache Zusammenstellungen finden, zu oft wurde das Versprechen alsbald durch umgestaltete oder erweiterte Veröffentlichungen gebrochen. Und manchmal beschleicht einen mit Blick auf die eingestempelte Nummer des Exemplars ohnehin das Gefühl, dass die Auflage viel zu hoch angesetzt wurde – die «Exklusivität» mithin noch über Jahre oder Jahrzehnte für jeden Käufer erhalten bleibt.

Noch gehört diese etwas überraschende, jedoch wunderbare Decca-Box mit den Strawinsky-Einspielungen von Riccardo Chailly zu den Ausnahmen. Nicht nur bei Spotify, sondern auch bei anderen ganz auf «Klassik» spezialisierten Streaming-Anbietern sucht man sie vergebens und trifft lediglich einzelne Alben in nicht vorhandener Vollständigkeit an. Hier darf also das Sammlerherz noch einmal höher schlagen – und es wird mit dieser Veröffentlichung auch reich belohnt. Denn es finden sich nicht bloß die aus dem Katalog bekannten Decca-Produktionen versammelt (einschließlich der 2017 erschienenen CD mit frühen Kompositionen und dem neu aufgefundenen Chant funèbre op. 5), sondern auch weitere Aufnahmen des hauseigenen Labels des Royal Concertgebouw Orchestra (RCO) und mehr noch Einspielungen von 1979 aus dem Archiv von Dischi Ricordi (Dumbarton Oaks und einige Raritäten). Wer Riccardo Chailly insbesondere in seinen Jahren als Gewandhauskapellmeister auch diskographisch mit Beethoven und Brahms assoziiert, der wird hier eine gänzlich andere Klangwelt vorfinden; nicht nur wegen der Werke (selbstredend), sondern insbesondere wegen der Interpretation, in der sich viele Vorzüge und Erwartungen vereinen: fulminante Akustik, ein packender Zugriff, der Ausgleich zwischen analytischer Präsenz und satter Klanglichkeit. Das zeigen vor allem die letzten Einspielungen der frühen Werke (mit dem Lucerne Festival Orchestra), mehr als etwa die ein Jahrzehnt älteren mit dem Cleveland Orchestra. Wer nicht alles aus dem Œuvre von Strawinsky gleichermaßen robust und radikal erleben möchte, dem bietet sich hier eine hochinteressante Box, die überdies den herausragenden Decca-Sound der vergangenen Jahrzehnte dokumentiert.

Igor Strawinsky.

  • Le faune et la bergère op. 2
  • Feu d’artifice op. 4
  • Chant funèbre op. 5
  • Scherzo fantastique op. 3
  • Zvezdolikij
  • Le Sacre du printemps
  • Renard
  • Le Chant du rossignol
  • L’Histoire du soldat. Suite
  • Octet for Wind Instruments
  • Suite No. 1
  • Suite No. 2
  • Concerto in E flat for chamber orchestra (Dumbarton Oaks)
  • Tango
  • Ragtime, for eleven instruments
  • Danses concertantes
  • Divertimento (Suite from Le Baiser de la fée)
  • Pulcinella
  • Symphony of Psalms
  • Jeu de cartes
  • Oedipus Rex
  • Violin Concerto in D
  • L’oiseau de feu
  • Petrushka (1947 version)
  • Four Norwegian Moods
  • Apollon musagète
  • Agon
  • The Rake’s Progress.

Sophie Koch (Mezzo), Lucerne Festival Orchestra, Berlin Radio Symphony Orchestra, Royal Concertgebouw Orchestra, London Sinfonietta, Gewandhausorchester Leipzig, Cleveland Orchestra, Riccardo Chailly
Decca 485 1367 (1979–2017)

 

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