30. November 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Dora Pejačević / Ekaterina Litvintseva

Teil 4 von 5 in Michael Kubes HörBar #044 – regards de femmes
Dora Pejačević / Ekaterina Litvintseva
Dora Pejačević / Ekaterina Litvintseva

Es gab eine Zeit, da wurden auch auf LP zahlreiche Raritäten publiziert. Längst sind diese Einspielungen vom «Schirm» verschwunden bzw. erst gar nicht auf diesem aufgetaucht, denn viele der alten Labels sind schon lange in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Masterbänder und Schallarchive sind oftmals verschollen, und im Zweifel liegen für eine digitale Auswertung die notwendigen Verträge nicht vor. Dann kam die CD – und mit ihr zunächst auch eine gefühlte Repertoireverengung. Bald aber entstanden erneut «Entdeckerlabels». Zu diesen darf man seit einiger Zeit aufgrund der beständigen Katalogerweiterungen auch Brilliant Classics zählen (das Bemühen ist deutlich sichtbar, sich vom einstigen Wühltisch-Image zu befreien). Mehr und mehr gelangen hier unbekannte Werke, faszinierende Komponisten oder auch wertvolle ältere Einspielungen wieder zu Gehör – auch innerhalb der Serie der «Piano Classics», die man als höchst lebendige Konkurrenz zu dem Naxos-Sublabel «Grand Piano Music» ansehen muss.

Wo eine Einspielung letztlich erscheint, mag freilich viele Raritätensammler kaum interessieren. Sie merken es dann aber doch am Layout, der Qualität der Metadaten, am Booklet. Wie so oft wurde leider auch bei der vorliegende Produktion genau hieran gespart, und man darf sich dann doch fragen, wie und warum solche ärgerlichen Lässlichkeiten entstehen; sie mindern langfristig den Wert. In diesem Fall sind es die ins Englische übersetzten Original-Titel der zahlreichen Charakterstücke wie auch die oft fehlenden Opus- und Jahreszahlen – die Hörbar reicht hier einmal nach, was das Label versäumte. Und schaut man auf solche Daten, wird dann auch schnell klar, wie man das eine Werk oder die andere Sammlung einzuordnen hat. Eingespielt wurden hier vor allem kleinformatige Stücke, darunter auch das bekannten Blumenleben – bei dem allerdings die bunten Blüten erstaunlich viel Schumann atmen (teilweise in deutlichen Allusionen). Die zweite Klaviersonate von Dora Pejačević hat nur eine Spielzeit von elf Minuten, und insbesondere hier gilt ein wichtiges Wort der Komponistin: «Umgebung und äußere Ereignisse haben nie eine Kraft, die das aufwiegen kann, was unsere Seele beschäftigt und ausfüllt.» Diese tieferen Töne zum Schwingen zu bringen, gelingt Ekaterina Litvintseva mit ihrem dynamisch differenzierten Spiel allerdings nur bedingt, fehlt es doch bei aller nach außen gerichteten Brillanz hie und da an der belebenden dichterischen Poesie. Keine Enttäuschung, aber es wäre fraglos mehr möglich gewesen.

Dora Pejačević. Sechs Phantasiestücke op. 17 (1903), Blumenleben op. 19 (1904/05), Walzer-Capricen op. 28 (1910), Zwei Klavierskizzen op. 44 (1918), Capriccio op. 47 (1919), Zwei Nocturnos op. 50 (1918/20), Klaviersonate Nr. 2 As-Dur op. 57 (1921)
Ekaterina Litvintseva (Klavier)

Piano Classics PCL 10226 (2017)

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