20. September 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Brahms, Piatti / Guido Schiefen

Teil 4 von 5 in Michael Kubes HörBar #040 – Cellomania
Brahms, Piatti / Guido Schiefen
Brahms, Piatti / Guido Schiefen

Alben wie dieses führen immer wieder vor Augen, wie selbstverständlich und selbstgerecht wir heute mit dem Repertoire und den wichtigsten Protagonisten des Musiklebens im langen 19. Jahrhundert umgehen. Die Fokussierung auf einzelne Meister, die Auswahl nur weniger Werke und die nach wie vor höchst präsente Heldenverehrung lassen weit gespannte Netzwerke, ganze Œuvres und den internationalen Austausch im Nebel der Zeit verschwinden. Noch immer wird die Reichweite des (auch institutionellen) Wirkens von Franz Liszt unterschätzt, das früh ausgeprägte öffentliche britische Musikleben auf dem Kontinent nicht wahrgenommen, die Musikkultur des östlichen Kakaniens kaum beachtet. Wo aber anfangen, wenn schon das einzelne Unscheinbare zu grundsätzlichen Überlegungen anregen kann?

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So wie dieses schöne Album mit Bearbeitungen der vollständigen Serie aller «Ungarischen Tänze» von Johannes Brahms. Ursprünglich für Klavier zu vier Händen geschrieben (und in dieser Besetzung gleichermaßen in den großen Salons wie in der «Guten Stube» zuhause), hat Alfredo Piatti (1822–1901) die 21 Nummern für Violoncello und Klavier bearbeitet; die Ausgabe erschien 1881 quasi unter den Augen des Komponisten bei Simrock in Berlin. Piatti, der für fast 40 Jahre in London als Virtuose, Kammermusiker und Solocellist im Orchester tätig war und darüber hinaus komponierte, schuf sich allerdings keine vordergründigen Bravourstücke, sondern verstand es, mit seinem Arrangement das damals noch ob seiner Farben und Möglichkeiten vielfach unterschätzte Instrument zu präsentieren. Gelungen ist ihm dies auf vorbildliche und zugleich höchst unterhaltsame Weise. Es bedarf tatsächlich nicht eines ganzen Orchesters, um die nur mit «Brot und Milch» (Brahms) aufgezogenen Kinder strahlen zu lassen. Ohne die äußere Ablenkung wirken sie in der kammermusikalischen Intimität noch mehr – zumal Piatti sie vorsichtig bearbeitete, kein Feuerwerk herbeizauberte, sondern mit den Melodien fast systematisch Klangräume und Spielweisen erkundete. Guido Schiefen versteht dies mit stupender Technik unprätentiös umzusetzen, verständig sekundiert von Markus Kreul.


Johannes Brahms: Ungarische Tänze, für Violoncello und Klavier arrangiert von Alfredo Piatti

Guido Schiefen (Violoncello), Markus Kreul (Klavier)

MDG 903 2202-6 (2020)

 

 

 

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