17. Juli 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Mozart / Michael Ostrzyga

Mozart / Michael Ostrzyga
Mozart / Michael Ostrzyga
Es gibt nur wenige unvollendete Werke, die so sehr die Neugier der Kenner und Liebhaber wie auch die Kreativität von Komponisten und (nach)denkenden Musikern angeregt haben wie Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge (BWV 1080) und das Requiem (KV 626) von Wolfgang Amadeus Mozart. In beiden Fällen führten frühe Rezeptionszeugnisse in eine Nebelbank aus Halbwahrheiten und Legenden, aus der dann diese Kompositionen wiederum mit einem recht eigenen Nimbus emporstiegen. Und so haben sich bereits mehrere Tonsetzer an die «Vollendung» von Mozarts letztem großen Werk gemacht; darunter Joseph Eybler, der wohl am ehesten das kompositorische Vermögen gehabt hätte, jedoch davor zurückschreckte, und Franz Xaver Süßmayr, der (soweit ich sehe) mit keiner eigenen Komposition jemals in die Musikgeschichte eingegangen ist. Süßmayr vollendete dann – teils ohne authentische Vorlage – die Partitur eilends; Konstanze drängte auf die Ablieferung des im Sommer ergangenen lukrativen Auftrags.

Nun ist die Hörbar zwar keine philologische Rundschau, doch dürfte wohl auch so bekannt sein, dass man sich schon länger an Süßmayrs Komplettierung rieb; vor allem wenn man bedenkt, dass für Mozart die Kirchenmusik zum Ort der Reflexion und Innovation geworden war. Neben anderen Lösungen hat nun Michael Ostrzyga eine weitere vorgelegt, als Partitur ist sie 2022 im Druck erschienen. Tatsächlich mag man an einigen Stellen aufhorchen, an anderen wiederum stutzen – auch wenn in dieser interpretatorisch famosen Einspielung das Chorwerk Ruhr und Concerto Köln alle Bedenken beiseite gelassen haben und sich wirklich auf die Musik konzentrieren. Kräftig und forsch zupackend oder auch lyrisch und verhalten Kantabilität auskostend, entwickelt das Album einen beträchtlichen Sog, ohne dass man dabei über den Styx gerissen würde. Es ist die hohe Kunst einer brennenden, jedoch nicht vorschnell verglühenden Emotionalität, mit der hier Mozarts Requiem aus der Routine befreit wird. Ob das Libera me des Mozart-Zeitgenossen Ignaz von Seyfried in der originalen a-cappella-Fassung ein adäquater Appendix ist, sei dahingestellt. Mit dem Verweis auf Beethovens Leichenbegängnis wird jedenfalls ein ganz anderes Tor aufgestoßen.

Wolfgang Amadeus Mozart. Requiem d-Moll KV 626, vervollständigt von Michael Ostrzyga; Ignaz Ritter von Seyfried. Libera me
Gabriela Scherer (Sopran), Anke Vondung (Alt), Tilman Lichdi (Tenor), Tobias Berndt (Bass), Chorwerk Ruhr, Concerto Köln, Florian Helgath
Coviello Classics COV 92009 (2019)

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Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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