24. Juli 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Glenn Gould / The Bach-Box

Glenn Gould / Bach-Box
Glenn Gould / Bach-Box

Es gibt Aufnahmen, die legendär sind und die dennoch kaum jemand kennt. Dazu zählt etwa Willem Mengelbergs Deutung von Mahlers Vierter (Amsterdam, November 1939). Wer diesen Mitschnitt je gehört hat, der wird mit glühenden Worten von ihr sprechen. Was mich aber bereits Ende des 20. Jahrhunderts wunderte: Er war schon damals nicht mehr im Katalog zu finden. Erst das Streaming hat den Schatz wieder aus dem Archiv ans Licht geholt. Anders verhält es sich mit den Bach-Interpretationen von Glenn Gould. Sie alle waren und werden immer präsent sein – ihre berückende, niemals ermüdende Originalität wird mit Sicherheit auch noch künftige Generationen begeistern.

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Früher nannte man so etwas «unvergänglich». Entsprechend sind diese Einspielungen nie vom Markt verschwunden – im Gegenteil sogar: Sie wurden immer wieder neu aufgelegt. So auch jetzt als «Bach Box» – im Kern allerdings eine 30 CDs umfassende Auskoppelung aus der 2015 veröffentlichten Edition sämtlicher Columbia-Aufnahmen (remastered), die 81 CDs umfasst. Doch Vorsicht: Bereits 2012 brachte die Sony eine sehr edle, in blaues Leinen geschlagene Box «Glenn Gould: The Complete Bach Collection» auf 44 CDs und DVDs heraus …

Gar zu leicht wird man also den Überblick verlieren, zumal im Dschungel eines nicht immer nachvollziehbaren «pricings»; doppelt gestraft all jene, die wie ich einst einzelne Scheiben für teure DM erwarben. Wo aber mag das Auditorium für solch eine neuerliche Box sein? Das Produkt ist sicherlich nicht (hoffentlich!) mangels guter Fachgeschäfte für die trostlose Schütte beim Drogeriemarkt oder Discounter gedacht. Ausgewiesene Kenner oder auch Liebhaber werden sich hingegen schon lange versorgt haben; die jüngere Generation weicht auf digitale Angebote aus oder greift (ganz retro) wieder zur LP. Ein wenig mutet mir die Box (zumal im Vergleich mit der von 2012) wie eine letzter Aufruf für ein sich langsam (und langsamer als gedacht) verabschiedendes Medium, kurioserweise eingepackt in den nachgestellten LP-Originalcovern (insgesamt gut sekundiert durch ein umfangreiches Booklet).

Andererseits entwickelt die «Bach Box» durch die ihr aufgegebene Beschränkung allein auf die «Originals» eine gewisse Authentizität – ein Hinüberschauen in eine Vergangenheit, die aber noch immer höchst lebendig und gegenwärtig ist. Das ist mehr als bloßes Streaming, und das ist auch mehr, als jede vollumfängliche Dokumentation bieten kann. Im Prinzip wird man wieder auf das ursprüngliche Album zurückgeworfen, auf seine innere Dramaturgie (The Little Bach Book) oder seine heute spärlich anmutende Spieldauer: die neun Nummern aus der «Kunst der Fuge» (gespielt auf einer Orgel) füllen keine 31 Minuten… All diese Reflektionen können freilich eines nicht aufheben – die hörende, intellektuelle Auseinandersetzung mit der Klangwelt eines Ausnahmeinterpreten, der nicht allein Bach originell deutete, sondern einmalig bleibt.


Glenn Gould: The Bach-Box (30 CDs)

  • Goldberg-Variationen BWV 988 (1955 mono / 1955 stereo / 1981),
  • Italienisches Konzert BWV 971,
  • Wohltemperiertes Klavier I und II BWV 846–893,
  • Fuge BWV 883,
  • Partiten BWV 825–830,
  • Französische Suiten BWV 812–817,
  • Ouvertüre im französischen Stil BWV 831,
  • Englische Suiten BWV 806–811,
  • Toccaten BWV 910–916 (BWV 914 in zwei Einspielungen),
  • Inventionen und Sinfonias BWV 772–801,
  • Contrapunctus I–IX aus «Die Kunst der Fuge» BWV 1080,
  • Sechs kleine Präludien aus BWV 924–932,
  • Sechs kleine Präludien BWV 933–938,
  • Präludien und Fughetten BWV 899, 900, 902, 902a,
  • Präludium und Fuge BWV 895,
  • Drei kleine Fugen aus «Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach»,
  • Klavierkonzerte BWV 1052–1056, 1058,
  • Sonaten für Viola da gamba und Klavier BWV 1027–1029,
  • Violinsonaten BWV 1014–1019,
  • Ludwig van Beethoven. Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15,
  • Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 19,
  • Das kleine Bach-Buch;
  • Glenn Gould diskutiert mit Tim Page über seine Interpretation der Goldberg-Variationen (in englischer Sprache)

Glenn Gould (Klavier, Orgel), Jaime Laredo (Violine), Leonard Rose (Cello), Toronto Symphony Orchestra, Columbia Symphony Orchestra, Vladimir Golschmann, Leonard Bernstein, Leopold Stokowski

Sony 19439753902 (1955–1981)

 

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