16. Mai 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch
Initiative H: Polar Star

Initiative H: Polar Star

Diese großen Ensembles, die größer wirken als „large“ und aber kleiner als „Big Bands“ sind und die in der romanischen Kultur beheimatet sind, finden einen ganz seltsamen eigenen Ton. Die Klangkulturen, ob bei Eve Risser, bei Art Zoyd, oder hier eben bei Initiative H, schmelzen insbesondere auch die populärmusikalischen Tonkulturen aus Rock und Pop jenseits des Jazz mit ein, so dass die Sache mit dem „Jazz“ zur schönsten Nebensache wird, die gleichwohl im Zentrum steht. Das liegt an der ausgiebigen Freude an repetitiven Mustern, denen man immer wieder im Aufbau

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Colonel Petrov's Good Judgement: Hypomaniac

Colonel Petrov’s Good Judgement: Hypomaniac

„COLONEL PETROV’S GOOD JUDGEMENT – der Name steht für den eigenen Weg, das Nicht-Befolgen von Konventionen und Normen. So hat auch der besagte Oberst Stanislaw Petrov im Jahre 1983 durch sein Nicht – Befolgen der offiziellen Regeln im Falle eines Raketenalarms, einen vermeintlichen Atomangriff auf die Sowjetunion als Fehlalarm entlarvt und somit das Schlimmste verhindert. Natürlich geht es dem Quartett um den Gitarristen und Komponisten Sebastian Müller nicht darum, die Welt zu retten, sondern“ …? Es heißt, es gehe „vielmehr um einen neuen Weg der Verschmelzung von verschiedenen musikalischen Einflüssen.

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Moritz Preisler Trio: Raureif

Moritz Preisler Trio: Raureif

Live eingespielt wurden die neun Stücke bereits in den Jahren 2017 bis 2019 in Köln, im Loft und im Salon du Jazz. Puh, eine Neuerscheinung mit Musik aus Vor-Corona-Zeiten. Im Nachgang wird auf diese Weise vielleicht deutlich, dass es mal eine Leichtigkeit gab, die sich eben nicht mit den Widrigkeiten der Lebensführung unter Pandemie und Krieg in der Nähe „auch“ beschäftigen musste, also dem nicht entgehen konnte. Ich denke schon, man kann es dieser Musik anhören, der ganzen hochintelligenten Machart, der Leichtigkeit und Tiefe dieses jungen Trio. Diese Musik experimentiert

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Roever Quartett: Hell's The Hippest Way To Go

Roever Quartett: Hell’s The Hippest Way To Go

Musik, die einen einfach selig machen kann, weil sie mit so eleganter Freundlichkeit den Tönen nichts abpresst, sondern sich laufen lässt – so schön wie ein hin- und herwogendes Weizenfeld im Abendlicht. Voller Wärme singt Lina Knörr im Klaviertrio, das als Ensemble so vertraut wirkt und dezent tänzerisch schwärmen kann wie auf Track 5 (Dentuso) oder im Flow ist wie bei Nummer 4 (Deep Thought). Eine Musik, die vom Gesang her gedacht ist (auch im Polyphonen wie in Nummer 7 – Tailored), der nicht spektakulär durch Kraft auftrumpft, sondern durch

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Markus Reuter: Truce 2

Markus Reuter: Truce 2

Noch ein Werk aus der Corona-Erlebniswelt. Das Trio um Markus Reuter findet sich zusammen in einer krachenden Orgie aus musikalischer Energie. Robustes Musizieren in sieben utopischen Räumen. Das krächzt zu Beginn aus den Lautsprechern in einer Mischung purer losgelassener Klangrhythmen. Aber doch alles auf dem Boden soliden Taktabmessens. Die folgenden Piecen sind deutlich entspannter, luftiger, leerer. Beinahe ein bisschen zu sehr leer. Wärend doch „The Rake“ wie gepresstes Rhythmenmaterial durch E-Gitarren- und Electronic-Gezuppel zugleich expandiert, also gequetscht und aufgelöst wird in einem Prozess, laufen die Stücke „Rounds Of Love“, „Barren“,

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B3 – New Songs, Old Socks

B3 – New Songs, Old Socks

Alte Socken? Leute, nicht solche Töne. Was für ein Spaß, was für eine Rockpower im weitergehenden Feld aus Blues und Jazz von drei Männern an Hammond B3, Synhie, Bass und Schlagzeug – dazu Gesangsschmelz, auf deren Tongletschtern nicht arg viel Permafrost gebunden scheint. Nach Informationen des Pressetextes handelt es sich um sowohl „neue Songs als auch ältere Stücke in neuem Gewand“. So gut kenne ich das Trio nun nicht, um genau die Veränderungen zu bemerken. Aber manches kommt einem irgendwie trotzdem bekannt vor – wie die Chorvocals im zweiten Stück

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Composers’ Orchestra Berlin: Holding Pattern

Composers’ Orchestra Berlin: Holding Pattern

Corona, Corona, Corona. Für viele angeblich längst vorbei, aber lassen wir den unmöglichen Streit über Wissenschaft und Gefühl besser außen vor. Die musikalische Nachschüttung allerdings läuft – manchmal unter dem Label „Neustart Kultur“ (in diesem Fall hier allerdings nicht): Lauter kreative Prozesse, die da in Gang gesetzt wurden, wenn man den Pressetexten glauben schenken will: „Viele der Titel wurden während des Corona-Lockdowns geschrieben: Im Rückblick hatte dies mehr Einfluss auf den kreativen Prozess als man sich vorgestellt hatte.“ Es sind neun verschiedene Komponist:innen in zehn Titeln. Vielfalt ist garantiert, sofern

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Louis Matute Large Ensemble – Our Folklore

Louis Matute Large Ensemble – Our Folklore

Das ist so richtig vollkommene Musik, die mit einer Selbstverständlichkeit im Ausdruck auftritt, die keinen Widerspruch duldet, sondern eine Einladung ist, dabei zu sein beim Ausrollen von Rhythmen, Harmonien und Farben. Im Ensemble des Gitarristen Louis Matute finden sich viele musikalische Sprachkulturen zusammen, ohne dabei zu grauem Tonbrei zu versuppen. Nix ist hier grau, es ist bunt, manchmal etwas verschleiert dabei und gebrochen pastellig. „Our Folklore“ heißt dieses Album, man möchte es sowohl ironisch verstehen wie zugleich als Versprechen, die ästhetische Latte nicht zu hoch zu hängen, aber zu probieren,

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Max Zentawer: solo

Max Zentawer: solo

Die Reichhaltigkeit der Jazz-Szene in Deutschland scheint geradezu unendlich. Dass ich die meisten Musiker:innen der CDs, die ich hier in der HörBar bespreche nicht kenne, geschweige denn jemals zuvor von ihnen gehört habe, bestätigt mir das wunderbar. Max Zentawer spielt hier „solo“ seine akustischen und elektrischen Gitarren quasi im Ensemble, wann es sich eben ergibt, wenn man im Studio arbeitet, statt auf der Bühne – wie so häufig coronabedingt. Man folgt dem Gitarrenflow mit Vergnügen und mit der Leichtigkeit, die Zentawer zu erzeugen versteht. Fast alle Gitarrist:innen, die zu hören

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Vitalii Kyianytsia Trio: Last Day of Spring

Vitalii Kyianytsia Trio: Last Day of Spring

„Der Titel hat schon seine Bedeutung“, schmunzelt Kyianytsia. „Während des Lockdowns bin ich fast jeden Tag joggen gegangen und so hat das Stück eine konkrete Beziehung zu meinem Leben. Ich finde, man kann spüren, wie jemand rennt.“ Geplant und realisiert und motiviert, lange bevor der unmenschliche Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine begonnen hat, erscheint dieses Debütalbum einen Monat nach Beginn des Krieges. Zu Beginn des Frühlings, dessen letzter Tag hier im Titel beschworen wird. Das ist alles nur noch Irre. Der Musik hört man nichts an. Vitalii Kyianytsia stammt aus

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Mátyás Bartha Trio: Self – Reflection

Mátyás Bartha Trio: Self – Reflection

Im Jazz gehört das Klaviertrio zu den Standard-Besetzungen mit großer historischer Tradition, mit scheinbar unendlich vielen Ausformungstechniken und damit Poetiken. Ein schönes Beispiel dafür, wie eine Tradition doch geradezu unendliche Erscheinungsformen ausbilden kann. In diese Reihe musikalischer Vielfalt reiht sich auch das Bartha-Trio ein. Wo muss man es wohl einordnen, oder bildet sich etwas hier ein ganz neues Gewächs aus? Nein, jein, ja. Es ist ein exzellent eingespieltes Jazztrio ohne Eskapaden, ohne Extreme. Na gut, es zeigt damit vielleicht an, dass musikalische Exzellenz und Abgeschlossenheit heutzutage vielleicht auch schon wieder

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Thomas Klein: Piano Solo

Thomas Klein: Piano Solo

Eine so einsame Musik, die sich da am Klavier auf Track 2 „Dezember 18“ ereignet. Da muss etwas sehr Eigenes und sehr Persönliches passiert sein, an diesem 18. Dezember. Die Musik ist gar leer, selbst in den Quinten-Parallelen scheint der Musik um ihre Thematik herumzuschleichen. Das bleibt irritierend. Laut Biografie hat der Piano-Solist eigentlich gar viele Erfahrungen in Sachen Funk-Bands. Und hier: Trockenes Klangbrot von gewiss eigner Würde. Aber doch noch eher tastend, nicht so ganz fertig in sich ruhend schon gleich gar nicht. Krude, rüde. Auch der Klang selbst,

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