21. April 2024 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Sebastian Fagerlund / Oceano

Sebastian Fagerlund / Oceano
Sebastian Fagerlund / Oceano
Die schönsten Bilder produziert die Natur selbst. Zu dieser erneuten Erkenntnis führt das auf dem Cover dieses Albums gezeigte Satellitenbild, das dunkle Ostsee-Gewässer südwestlich von Gotland zeigt. Was für ein Bogenschwung, was für eine faszinierende Farbintensität! Das tiefe Blau der See ist bestens gewählt, um optisch die Musik von Sebastian Fagerlund (*1972) zu illustrieren. Doch Vorsicht ist geboten: Ein maritimes Orchester-Rauschen bietet dieses Album nicht – wohl aber intensive Kammermusik, mit der man tatsächlich hie und da verschiedene Zustände von Wind und Wellen assoziieren kann. Hier jedenfalls spielt das Cover auf den ersten der zwei Sätze von Oceano (2011) an – ein Werk, das explizit für Violine, Viola und Violoncello bestimmt ist, also für die «klassische» Formation eines Streichtrios. Das bringt einen allerdings mit Blick auf die weitere Tracklist zum Grübeln: Es gibt eine Komposition mit expliziter Gattungsbezeichnung (Sonate für Klarinette und Klavier), eine andere mit poetischem Untertitel (Streichquartett Nr. 1 «Verso l’interno»), zwei Werke in eher seltener Besetzung mit ausschließlich poetischem Titel (Fuel und Transient Light) – und eben Oceano für eine gängige Besetzung, die aber nicht als Streichtrio benannt wird.

Man kann das als von Vorgaben befreite Vielfalt betrachten, anderseits zeigen gerade weiterhin verwendete Bezeichnungen wie «Sonate» und «Streichquartett» die normative Kraft der über Jahrhunderte gefestigten Formen und Gattungen. Musikalisch zeigt Sebastian Fagerlund, einer der wichtigsten und wohl auch produktivsten schwedischen Komponisten, mit welch anregender Inspiration er auch kleinere Partituren (nach Papierformat wie Spielzeit) entwickeln kann. Gerade die Sonate belegt dies, wenn Klavier und Klarinette sich klanglich zu etwas vollkommen Neuen verbinden, die Musik gleichsam aus dem Klang heraus gedacht wird. Ähnlich und doch anders verhält es sich im vierten Satz des Streichquartetts, das wirklich innere Sphären ausleuchtet – sordiniert und mit gambenähnlichem Klangspektrum, als ruhig fließendes Klangband. Mehr als in Fagerlunds satt disponierten Orchesterwerken lässt sich in diesen Kompositionen über Sprache, Grammatik und Handwerk erfahren. Auch hier: das tiefe Blau des Covers…

Oceano
Sebastian Fagerlund. Oceano (2011); für Violine, Viola und Violoncello; Fuel (2010) für Klarinette, Violoncello und Klavier; Transient Light (2013) für Horn, Violine, Violoncello und Klavier; Sonate für Klarinette und Klavier (2010); Scherzic (2008) für Viola und Violoncello; Streichquartett Nr. 1 «Verso l’interno» (2007)
Minna Pensola (Violine), Atte Kilpeläinen (Viola), Tomas Djupsjöback (Violoncello), Christoffer Sundqvist (Klarinette), Hervé Joulain (Horn), Paavali Jumppanen (Klavier), Meta4
BIS 2324 (2017, 2019)

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