4. Dezember 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Edinburgh 1742 / Ensemble Maryas

Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #046 – Anno Domini

Edinburgh 1742 / Ensemble Maryas
Es gibt in der Musikgeschichte immer wieder überraschende Konstellationen. Dazu zählen auch die Jahre des aus Lucca stammenden Francesco Barsanti im schottischen Edinburgh, die zugleich als seine produktivsten gelten. Hier hat er offenbar auch seine besten Werke hervorbracht. Nach England kam Barsanti (1690–1770) 1714 gemeinsam mit Francesco Geminiani, zwanzig Jahre später wandte er sich gen Norden, wo er als Musikmeister in der Edinburgh Musical Society tätig war. Neben eigenen Kompositionen widmete er sich auch den traditionell überlieferten Liedern und Gesängen (erstaunlich, dass diese wohl jede Generation von Komponisten faszinierten) und veröffentlichte 1742 eine Collection of Old Scots Tunes with a Bass for Violoncello or Harpsichord. Aus demselben Jahr stammt auch der Druck seiner Concerti grossi op. 3 – kurioserweise eine Sammlung von nur zehn statt den obligatorischen zwölf Werken. Nach ökonomischen Einbrüchen versuchte er nach acht Jahren sein Glück wieder an der Themse – doch hatte sich dort das Netzwerk gelöst, die Verhältnisse geändert, so dass sich Barsantis Lebensabend keineswegs sorgenfrei gestaltete…

Nachdem das Ensemble Maryas bereits vor fünf Jahren mit dem ersten Teil aus dem op. 3 überraschte (mit einem ebenfalls «Edinburgh 1742» überschriebenen Album, jedoch mit dunklem Cover), folgt nun der zweite Teil mit den Concerti Nr. 6–10, bei denen neben den Streichern noch zwei Oboen, eine Trompete und Pauken verlangt werden (im ersten Teil sind zwei Hörner und Pauken gefordert). Das mag auch die auf dem Papier seltsam unflexibel anmutende Tonartenfolge erklären: D-Dur und F-Dur im ersten Teil, hier im zweiten nur D-Dur und C-Dur. Mit der Besetzung wird Barsanti vielleicht auf die musikalischen Verhältnisse in der Stadt am Firth of Forth reagiert haben; jedenfalls schuf er wundervoll inspirierte Werke, die den italienischen Hype um eine weitere Facette erklären helfen. Am Ende darf man sich schon fragen, warum man bei so viel Qualität Barsanti am Ende ziehen ließ bzw. keine halbwegs gesicherte Zukunft anbieten konnte. Die vorliegende Aufnahme gehört jedenfalls gehört – nicht nur als willkommene Erweiterung des Repertoires, sondern auch weil diese Musik einen wichtigen Baustein für das Musikleben auf der britischen Insel darstellt (abseits all der Künste, die in den Highlands flüssiges Gold liefern). Die Einspielung ist darüber hinaus viel organischer und flüssiger als die ältere Auswahl-Produktion mit dem Ensemble Auser Musici (Tacet, 2014).

Edinburgh 1742. Barsanti & Handel, Parte Seconda
Francesco Barsanti. Concerto gosso C-Dur op. 3/6, C-Dur op. 3/7, C-Dur op. 3/8, D-Dur op. 3/9, D-Dur op. 3/10;
Georg Friedrich Händel. Ouvertüre zu Atalata HWV 35;
A Collectio of Old Scots Tunes

Ensemble Maryas, Peter Whelan
LINN CKD 626 (2019)

https://open.spotify.com/album/0WYEFFBK8KQJjYqZKrGdhI</

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