4. Dezember 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Leipzig 1723 / Capricornus Consort Basel

Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #046 – Anno Domini

Leipzig 1723 / Capricornus Consort BaselWer hat darüber nicht schon einmal zu später Stunde bei einem Glas guten Rotweins sinniert? Was wäre wenn… Wenn etwa im Falle Telemanns die Stadt Hamburg oder bei Christoph Graupner der Darmstädter Fürst eben nicht ein paar Goldmünzen draufgelegt hätten (um sie bei der Stange zu halten) und der eine oder andere die Wahl zum Thomaskantor angenommen hätte? Oder auch Johann Friedrich Fasch, der sich schon früh selbst aus der Konkurrenz genommen hatte, als er auf eine Anstellung als Hofkapellmeister in Zerbst einschlug. Wie wäre die Musikgeschichte dann verlaufen, etwa ohne Bachs Matthäus-Passion? Hätte es auch ohne die vielen Kantaten eine Bach-Gesamtausgabe gegeben? Welche Werke wären überhaupt geschrieben worden, was hätte sich erhalten? Es gibt in der Musikgeschichte einige solche Weggabelungen – und verunsichert schaut man dann auf all die Lebenswege, die viel zu früh endeten: Thomas Linley, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Norbert Burgmüller, Julius Reubke, Rudi Stephan, Lili Boulanger…

Die Idee, Werke der Bewerber um das Thomaskantorat aus dem Jahr 1723 gegenüber zu stellen, liegt nahe, und doch ist dies wohl bisher nicht konsequent versucht worden. Ob es allerdings eine kluge Wahl war, für diese instruktive Leistungsschau nur Instrumentalmusik zu bemühen, sei dahin gestellt. Denn die Probe in der Thomaskirche erfolgte mit Kantaten – und schon gar nicht (wie hier bei Bach) mit einem Cembalokonzert. So reiht sich dieses Album am Ende doch nur in die Phalanx gut disponierter Programme ein. Doch was hätte das Capricornus Consort Basel mit Stefan Temmingh als Solisten sonst wählen sollen? Die Besetzung grenzt nun mal die Auswahl der Werke ein. Dennoch: mich überraschen Faschs Kompositionen immer wieder von neuem – mit ihren verblüffenden und charakteristischen harmonischen Ausweichungen ebenso wie mit ihrem knappen Satzverlauf. Musiziert wird mit großer Lust und auf höchstem Niveau.

Leipzig 1723.
Christoph Graupner. Concerto F-Dur GWV 323;
Johann Friedrich Fasch. Sonate d-Moll FaWV N:d3;
Johann Sebastian Bach: Concerto F-Dur BWV 1067;
Georg Philipp Telemann: Quartett g-Moll TWV 41:g4;
Johann Friedrich Fasch. Concerto F-Dur FaWV L:F6;
Georg Philipp Telemann: Concerto C-Dur TWV 51:C1.

Stefan Temmingh (Blockflöte), Capricornus Consort Basel
Accent ACC 24375 (2020)

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