20. September 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Telemann / Miriways (1728)

Teil 2 von 5 in Michael Kubes HörBar #042 – Barockopern
Telemann / Miriways (1728)
Telemann / Miriways (1728)

Die Opern von Georg Philipp Telemann sind noch immer «terra incognita» (Pimpinone vielleicht ausgenommen). Wer aber hätte gedacht, dass der vielfach als «Polygraph» verunglimpfte Komponist während seines langen Lebens für Leipzig, Weißenfels und natürlich die Hamburger «Oper am Gänsemarkt» mehr als 50 Bühnenwerke geschrieben hat? Dass sich zwar vieles nachweisen lässt, sich aber nur weniges erhalten hat, liegt (wie so oft) an der Vergänglichkeit der Institutionen. Zu den erhaltenen Raritäten zählt auch Miriways: 1728 und nochmals 1730 gespielt, wurde der Dreiakter erst wieder 1992 und 2012 in Magdeburg aufgeführt; bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um einen Live-Mitschnitt vom Hamburger Telemann-Festival 2017 anlässlich des 250. Todestags des Komponisten.

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Dass die deutschsprachige Partitur überhaupt noch interessiert, liegt freilich weniger an der inspirierten und (wie immer) handwerklich sauber ausgearbeiteten Musik als an dem im 18. Jahrhundert als exotisch und aktuell empfundenen Libretto – das am Ende dann aber doch nur von Liebe und Staatsraison handelt. Es geht zurück auf einen 1723 erschienenen anonymen Bericht über das Leben und die Taten des Miriways, hinter dem sich der paschtunische Stammesführer Mir Wais Khan Hotak (1673–1715) bzw. dessen Sohn verbirgt. Ganz so genau hat man es ohnehin in dem Bericht wie auch im Libretto nicht genommen: Das Stück spielt jedenfalls im fernen Orient (hier im just von Miriways eroberten Isfahan).

Wer nun aber einen musikkulturellen Austausch erwartet, wird enttäuscht. Zwar war Telemann ein Meister des «goût réuni», doch bleibt dieser auf die großen Nationen Zentraleuropas beschränkt; fremdes Instrumentarium, ungewöhnliche Skalen und Melodien fehlen gänzlich, und was ein wenig «anders» klingt, hat seine Wurzeln (für Telemann übrigens charakteristisch) – in Polen. Und so behilft sich die Akademie für Alte Musik Berlin bei diesem Mitschnitt an nur wenigen Stellen mit unverfänglichem Schlagwerk; eine Sarabande bleibt indes eine Sarabande. – Unter der Leitung von Bernard Labadie überzeugt das durchgehend gut besetzte Ensemble interpretatorisch durch Zuspitzungen des Ausdrucks, zumal Telemann nur selten Raum für weiterreichende Vertiefungen bietet. Dabei machen die in den Arien zu hörenden Fiorituren richtig Spaß. Akustisch gehört der Mitschnitt aus der Laeiszhalle indes in den Kummerkasten, da die Sänger:innen nicht durchwegs präsent stehen und die gelegentlich zu hörende Räumlichkeit ohne Zuordnung bleibt.


Georg Philipp Telemann: Miriways (1728)
André Morsch (Bariton), Robin Johannsen (Sopran), Sophie Karthäuser (Sopran), Lydia Teuscher (Sopran), Michael Nagy (Bariton), Marie-Claude Chappuis (Mezzo), Anett Fritsch (Sopran), Dominik Köninger (Bariton), Paul McNamara (Tenor), Akademie für Alte Musik Berlin, Bernard Labadie

Pentatone PTC 5186 842 (2017)

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