28. Juni 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Páll Ragnar Pálsson

Páll Ragnar Pálsson
Páll Ragnar Pálsson
Dass es nicht immer eines digitalen Sounddesigns bedarf, um ungehörte Klänge oder neue Spektren in einem sich komplex entwickelnden akustischen Raum zu erschaffen, belegt Páll Ragnar Pálsson (geb. 1977) höchst eindrücklich. Die auf diesem Album versammelten Kompositionen stammen aus den Jahren zwischen 2011 und 2018 und reflektieren die unterschiedlichen Erfahrungen, die Pálsson sowohl in der Freiheit der isländischen Indie-Szene gesammelt hat, wie auch die in den eher akademischen Zirkeln während seiner Studienzeit in Tallinn (Estland). Bei den fünf Werken handelt sich nahezu durchwegs (und das ist durchaus signifikant) um Partituren mit einer Spielzeit von knapp unter 10 Minuten und mit einer gerahmten Besetzung, die verschiedene Klangoptionen ermöglicht: ein Streichduo (Violine und Violoncello) oder Streichtrio, kombiniert mit Flöte und Klarinette, zu denen wechselnd Harfe, Klavier und Schlagwerk hinzugezogen werden.

Diese Disposition verleiht dem Album eine erstaunliche äußere Einheitlichkeit, mehr aber noch gelingt es Pálsson durchgehend, nicht auf Topoi zu verfallen oder auf Muster zurückzugreifen. Die sich linear entwickelnden Klänge finden sich in faszinierender Vielfalt beständig neu, fallen nie in sich zusammen – und entfalten damit ein mehrdimensionales Gefüge. Darin aufgehoben wird der helle, erzählende Sopran von Tui Hirv: sehr klar artikuliert, vielfach in den Klang gleichsam instrumental integriert (Stalker’s Monologue) oder – sehr präsent – überhaupt erst die instrumentalen Impulse in der Art eines Melodrams setzend (Midsummer’s Night). Tatsächlich aber scheint sich Páll Ragnar Pálsson vom vielfach beschworenen musikalischen «Landscaping» in seiner Tonsprache auf erfrischende Weise entfernt zu haben. Das macht sie auch universeller, aufregender, anregender.

Páll Ragnar Pálsson. Atonement (2014), Lucidity (2017), Stalker’s Monologue (2013), Midsummer’s Night (2018), Wheel Crosses Under Moss (2011)
Tui Hirv (Sopran), Caput Ensemble, Gu∂ni Franzson

Sono Luminus DSL-92241 (2019)

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