28. Juni 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Gunnar Andreas Kristinsson

Gunnar Andreas Kristinsson
Gunnar Andreas Kristinsson
Island ist noch immer eine vergleichsweise junge Musiknation. Ohne institutionelle Infrastruktur waren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nahezu alle musikalisch Begabten gezwungen, für Ausbildung und Karriere die heiße Vulkaninsel im kalten Nordatlantik zu verlassen. Ein Sinfonieorchester war hier erstmals im Sommer 1926 zu hören, als Jón Leifs mit den Hamburger Philharmonikern eine Konzertreise dorthin unternahm (wohl für alle Seiten eine Sensation). Dass es heute eine sehr rege Szene gibt, liegt an verschiedenen Förderungen und Faktoren – mit Sicherheit aber auch an der Landschaft, die bei vielen zeitgenössischen isländischen Komponisten auf sehr unterschiedliche Weise eine mehr oder wenige prägende Rolle spielt – eine Frage der Selbstverortung in einer globalen Welt.

Nach Stationen in Köln und Den Haag gehört auch Gunnar Andreas Kristinsson (*1976) zu jenen Stimmen, die längst wieder zurückgekehrt sind. Alle Werke dieses kammermusikalischen Albums sind ab 2012 auf Island entstanden; sie bilden zusammen das klingende Portrait eines Komponisten, der eine sehr eigene, zugleich aber auch flexible Sprache entwickelt hat. Will man alle hier präsentierten Werke mit wenigen Worten charakterisieren, so sind es Allgemeinplätze, die herhalten müssen: Kristinsson schreibt mit subtilen Bezügen zur Vergangenheit, biedert nicht an, bedient keine bequemen Marotten. In jeder der fünf Kompositionen verfolgt er eine jeweils eigene Idee. Bei Sisyfos (man könnte sich die antike «Saga» auch isländisch ausgesprochen denken…) handelt es sich um ein Klarinettenkonzert mit begleitendem Kammerensemble, Patterns IIB nehmen direkt Bezug auf eine alte Weise, in Moonbow geht es um einen Mondregenbogen – ein sehr seltenes Wetterphänomen. Was mich sympathisch stimmt, ist die kompositorische Freiheit, die das stark gebundene Stück mit dem vieldeutigen Titel PASsaCAgLia B am Ende doch möglich macht. Bei Roots geht es schließlich in die Grundlagen der Obertöne hinein… Das Album zeigt Kristinsson als einen Komponisten, der nicht bloß «verkopfte» Konzepte erstellt, sondern der auch das klingende Resultat,die damit einhergehende Entwicklung der Strukturen und des Materials bedenkt. Hoch interessant.

Gunnar Andreas Kristinsson. Sisyfos (2014), Patterns IIb (2016), Moonbow (2017), PASsaCAgLia B (2012/16), Roots (2019)
Ingólfur Vilhjálmsson (Klarinette), Duo Harpverk, Siggi String Quartet, The Caput Ensemble, Guðni Franzson

Sono Luminus DSL-92246 (2020)

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Teil 1 von 5 in Michael Kubes HörBar #055 – Island