Santa Ratniece – Latvian Radio ChoirNicht erst seit dem legendären Eric Ericson gibt es in Skandinavien und im Baltikum eine exzellente Chorkultur. Und doch war Ericson fraglos der Promotor eines spezifisch reinen und klaren Klangs; die enge Zusammenarbeit mit György Ligeti im Zusammenhang bei der Einstudierung des Requiem (1963) in Stockholm setzte zudem neue Maßstäbe. Seither hat sich die Chormusik verändert – sie ist vor allem sphärischer geworden. So auch bei der vor allem in der «Szene» bekannten, aus Lettland stammenden Komponistin Santa Ratniece (*1977), die Klänge zwischen Körper und Seele entfaltet – dabei aber technisch mit ihrer Mikrotonalität, den aufgetürmten Clustern und räumlichen Entwicklungen bei den vor über 50 Jahren liegenden Wurzeln anknüpft.
Werbung
Charakteristisch für die hier eingesungenen Werke ist zudem die Verbindung mit einzelnen Instrumenten oder auch mit elektronischer Zuspielung: Bei Vigilia del Mattino (2017) ist es eine Harfe, bei fuoco Celeste (2011) ein Violoncello, bei nada el layli (2015) eine Kemenche und Qanun. Eine Ausnahme bildet ihr Beitrag zur multimedialen Oper War Sum Up. Music. Manga. Machines (2011) für zwölf Stimmen und Elektronik (diese stammt von Gilbert Nouno). Obwohl die Aufnahme über sechs Jahren entstand, wirkt sie absolut konsistent. Dies ist nicht nur dem Raum , der St. Johannis-Kirche in Riga, zuzuschreiben, sondern auch der stimmlichen Qualität des Lettischen Rundfunkchores mit insgesamt 24 Sänger:innen. Ratnieces Musik lebt tatsächlich von solche einer weiten und weit tragenden Akustik. Sie fordert beim Singen heraus, dringt aber mit ihrer Skulpturenhaftigkeit unmittelbar ins Ohr.
Werbung
Santa Ratniece. Vigilia del Mattino; War Sum Up; fuoco Celeste; nada el layli
Latvian Radio Choir, Ensemble Sarband, Sigvards Klava, Kaspars Putninš LMIC/SKANi 086 (2014, 2015, 2020)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.