30. Juli 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Klaus Ospald – musica viva

Klaus Ospald – musica viva
Klaus Ospald – musica viva
Kann es eine engagierte »zeitgenössische« Musik geben, die sich lediglich reflexiv mit der Vergangenheit auseinandersetzt? Oder anders: Warum wird in vielen Institutionen lediglich über ein inhaltliches und ästhetisches Denken befunden, das sich «bequem» mit Aspekten der unbequemen Vergangenheit auseinandersetzt, nicht aber mit den aktuell drängenden Erfordernissen der Gegenwart? Ist es die Scheu, Position beziehen zu müssen? Die Sorge um künftige Missverständnisse? Die Angst, nicht auf der «richtigen» Seite gestanden zu haben? Da erscheint der Bezug auf dunkle Phasen der Vergangenheit fast ungefährlicher. Oder nochmals anders: Können und wollen wir uns eine derartige luxuriöse künstlerische Ästhetik (noch) leisten?

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Diese Gedanken schwirren mir beim Lesen von Werkeinführung und Biographie dieses Albums im Kopf herum. Denn Klaus Ospald (*1956) widmet sich aus sicherer historischer Distanz den drängenden Dichtungen von Miguel Hernández (1910–1942) – als Kind Ziegenhirt, dann Schüler an einem Jesuitenkolleg, schließlich Dichter, kämpfender Republikaner. Unter den spanischen Faschisten starb er elendig. Aber vertragen Worte wie aus Das Kind als Zugtier einen großen sinfonischen und chorischen Apparat, der mehr kommentiert als das Auditorium mit den ausgewählten Worten wachrüttelt? Lässt sich eine solche Dichtung ästhetisieren? «Seine Jahre kann es nicht zählen, / aber es weiß, was der Schweiß / für den Ackernden ist: / eine schwere Krone aus Salz.» Mich beginnt solch eine Musik zu beunruhigen, die aus gesicherten Verhältnissen auf schwierige Etappen zurückblickt, diese für sich aufnimmt, aber kaum Antworten für die Gegenwart findet – und sich somit zirkulär bewegt.

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Klaus Ospald. Más raíz, menos criatura (aus: Entlegene Felder III) für Orchester, Klavier, und achtstimmigen Kammerchor (2014/15, rev. 2017); Quintett von den entlegenen Feldern für Streichtrio, Klarinette, Klavier, Live-Elektronik (2012/13, rev. 2014)
Singer Pur, Markus Bellheim (Klavier), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Peter Rundel, Ensemble Experimental, SWR Experimentalstudio, Peter Tilling

BRKlassik 900642 (2019)

HörBar #192 – Zeitgenössisches

Liza Lim – Annunciation Triptych

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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