Marko NikodijevicEr gehört zu den spannendsten Stimmen unter den Zeitgenossen. Und sie ist trotz exponierter Förderungen und eines intensiven kompositorischen Ausdrucks nur schwer auszumachen. Denn sucht man nach Informationen über Marko Nikodijevic (*1980), so greift man selbst im «allwissenden» Internet zwar nicht ins Leere, wohl aber in einen Nebel – wenn selbst beim Verlag die biographischen Notizen 2013/14 enden. Ähnlich ist es im Booklet dieser Produktion aus dem «Podium Gegenwart» des Deutschen Musikrats, wo viel über frühere Kompositionen sinniert wird (die aber nicht eingespielt wurden) und nach den umfassenden Werkbeschreibungen (und es sind «Beschreibungen») sich eine knapp gefasste unpersönliche biographische Notiz anschließt. Dabei hätte ich gerne mehr erfahren von einem Komponisten, der so lebendig über seine frühen, bei Mátyás Molcer gesammelten musikalischen Erfahrungen berichtet: «Welch ein Glück, in einer verschlafenen serbischen Provinz solch einen Lehrer zu finden.»
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Dass das Tempus mitunter einem schnelleren Puls folgt, als die Verbreitung und Vermittlung des «Zeitgenössischen», zeigt sich auch an der vorliegenden Produktion: Die Werke entstanden zwischen 2016 und 2019, eingespielt wurden sie 2018, 2020 und 2022, der Veröffentlichung folgte 2023. Dass die drei Partituren etwas zu sagen haben, steht außer Zweifel. Sie atmen schöpferische Kraft, einen Blick in die lange Geschichte der Musik und das Vermögen, mit dem Orchester und seinen Möglichkeiten zu spielen. Die manchmal deutlich, manchmal nur gelegentlich durchscheinende Anbindungen an mittelalterliche liturgische Gesänge wirken dabei nicht wie bloße Zitate aus einer fernen, weit zurückliegenden und entrückten Welt, sondern wie eine Schicht, die in einzelnen Passagen oder am Ende von ispravitsja / gebetsraum mit nachtwache den Verlauf bestimmt. Es sind aber nicht nur diese Momente, die faszinieren, sondern auch wie in absolutio jene Momente, in denen sich aus dem Material heraus Räume eröffnen. Die Einspielungen sind präzise am Werk und lassen die Musik dennoch wirklich fließen. Ein Glücksfall.
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Marko Nikodijevic. absolutio (2016); abgesang (2015/17); da ispravitsja / gebetsraum mit nachtwache (2019)
Anna Sohn (Sopran), Jakub Sawicki (Orgel), hr-Sinfonieorchester, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Jonathan Stockhammer, Vladimir Jurowski Wergo 6442-2 (2018, 2020, 2022)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.