29. Juli 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Liza Lim – Annunciation Triptych

Liza Lim – Annunciation Triptych
Liza Lim – Annunciation Triptych
Es gab eine Zeit, in der «zeitgenössische» Musik kaum «Strecke« machen konnte. Es waren die vielen Determinanten für klangliche Einzelereignisse, die einem ausgearbeiteten längeren Verlauf im Wege standen. Denn große Formverläufe waren (und sie sind es wohl noch immer) mit einer wie auch immer gestalteten harmonischen Dramaturgie verbunden, oft gepaart mit melodischen Gestalten, zumindest aber mit hörbar motivischer «Arbeit» am Material. Und genauso wenig wie die einstige «Avantgarde» dies kaum leisten konnte, so versagt auch das moderne «Easy Listening»: Aus dem meditativen «Nichts» wird ohne wirkliches schöpferisches Vermögen kaum «Etwas» entstehen.

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Und dann fällt einem der groß angelegte, dreisätzige Orchesterzyklus Annunciation Triptych (2019–2022) der australischen Komponistin Liza Lim (*1966) in die Hände. Sie scheint genau dieses Problem zu beherrschen, wenn aus einem murmelnden Klang heraus sich die Hörner befreien – mit einer deutlichen Allusion an Wagner Rheingold, dann aber nicht stehen bleiben, sondern der Musik im weit aufgespannten Bett der Streicher eine andere Richtung geben: markant, flirrend, niemals stagnierend. Und am Ende ein sattes B-Dur. Auch die beiden folgenden Sätze zeigen deutlich tonale Bass-Strukturen, auf denen Felder aufgebaut werden. Man mag das, wie im Booklet-Essay, aus den Titeln (Sappho, Mary und Fatimah) als weibliche Spiritualität interpretieren. Mehr aber noch zählt der Wille zu einer Partitur, die mit ihrer Länge auch einen unbequemen Anspruch stellt (im dritten Satz mit einem vokalen Sopran-Solo, das auch zum Ende führt). Das Werk ist mit dem WDR Sinfonieorchester unter Cristian Măcelaru in allerbesten Händen – und diese Besetzung zeichnet wiederum auch die Komposition aus. Ob sie aber mit ihrer bedeutenden Länge auch den Weg auf das Podium finden wird?

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Liza Lim. Annunciation Triptych (2019–2022)
Emily Hindrichs (Sopran), WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru

Kairos 0022003KAI (2022)

HörBar #192 – Zeitgenössisches

Marko Nikodijevic

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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