16. Mai 2022 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Filippo Gorini

Filippo Gorini
Filippo Gorini
Virtuosität und Poesie zeichnen das Spiel von Filippo Gorini aus. So rollt bei ihm der Canon alla duodecima mächtig an, während der Contrapunctus XII geradezu introvertiert zelebriert wird. Es sind diese Gegensätze, die in allen Belangen für dieses Doppelalbum charakteristisch sind. Denn Filippo Gorini gestaltet die Faktur der Fugen pianistisch (und eben weniger als abstrakten Tonsatz), lässt manches im Legato, im Piano und Pedal verschwimmen und vergehen, greift anderes dann aber umso akzentuierter auf. Entstanden ist auf diese Weise eine sehr persönliche Sichtweise auf die Komposition als Ganzes. Mit einigen Vorbehalten lässt sich zwar sagen, dass hier insgesamt eine «große» Produktion entstanden ist. Freilich muss man aber auch ein Fan dieser Art der Interpretation sein. Wer sich einmal durch aufführungspraktische Studien hat aufklären lassen, der wird diesem poetischen Gebet an der Claviatur nur wenig, kaum aber alles abgewinnen können. Wer eher aus dem Flügel heraus denkt, wird sicherlich tief beeindruckt den mehr nachsinnenden als offenen Wegen folgen, die Filippo Gorini durch das polyphone Labyrinth weist.

Dass er die Kunst der Fuge als übergreifende Aufgabe sieht, die nicht bei einer bloßen Einspielung Halt macht, zeigt bereits das Booklet mit den von Filippo Gorini selbst verfassten «Präludien» zu jedem Satz – Sonetten und Haikus, die nochmals das in Verse fassen, was schon «ohne Worte» in dieser Interpretation gesagt wurde. Doch es wird noch mehr kommen: Unter der Adresse «www.TheArtOfFugueExplored.com» sind für die kommenden Wochen und Monate des Frühjahrs 2022 umfassende Erläuterungen, Interviews etc. angekündigt. Das mag hilfreich sein, neue Perspektiven kennen zu lernen und mehr über die Grundlagen dieser «Realisierung» zu erfahren. Ob sie aber näher zum Kern der Komposition selbst vordringen werden? Mir jedenfalls erscheint Filippo Gorinis Deutung zu frei. Mahnt die Faktur der Kunst der Fuge nicht eher zu interpretatorischer Zurückhaltung, zu analytischer Betrachtung – als den komplexen Kontrapunkt im Dickicht des Dichterischen zu überhöhen? Polyphonie lässt sich auch anders beseelen.

Johann Sebastian Bach. Die Kunst der Fuge BWV 1080
Filippo Gorini (Klavier)

Alpha ALP 755 (2020)

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Teil 3 von 5 in Michael Kubes HörBar #056 – Kunst der Fuge