3. August 2021 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Franz Schubert: Sakontala (Kammerphilharmonie Bremen, Frieder Bernius)

Franz Schubert: Sakontala (Kammerphilharmonie Bremen, Frieder Bernius)
Franz Schubert: Sakontala (Kammerphilharmonie Bremen, Frieder Bernius)

Franz Schubert ist trotz vielfacher Bemühungen als Bühnenkomponist noch immer ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Sind schon seine abgeschlossenen oder auch nur seine vollständig erhaltenen Opern und Singspiele kaum dem Namen nach bekannt – etwa die überaus witzigen Freunde von Salamanka, der gewichtige Dreiakter Alfonso und Estrella oder gar der hochdramatische, einen Höhepunkt des Schaffens darstellende Fierabras. Aufgeführt wurde von diesen knapp einem Dutzend Partituren schon zu Schuberts Lebzeiten kaum etwas. Zu unglücklich erschien den Zeitgenossen die Wahl der Libretti, zu tief geriet Schubert in den Strudel zwischen deutscher romantischer Oper und der in Wien grassierenden Rossini-Begeisterung.

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Umso erstaunlicher war im Herbst 2006 die Ankündigung einer konzertanten Uraufführung der Oper Sakontala (D 701) aus dem Jahre 1820 bei den Herbstlichen Musiktagen Bad Urach 2006 in der Stadthalle Metzingen. Das Werk basiert auf der gleichnamigen indischen Dichtung des Kalidasa, die 1791 nach Europa gelangte und zur Sensation wurde, bei Schubert als Vertonung indes Fragment blieb: In dem knapp 400 Seiten(!) umfassenden Entwurf ist lediglich der Verlauf der Singstimmen notiert, bei den Instrumentalstimmen häufig nur der Bass, gelegentlich ein Hinweis auf das Begleitmodell. Doch davon einmal abgesehen, gab Schubert das Projekt vor dem dritten Akt auf, ohne je den Entwurf revidiert zu haben. Will man das Werk also aufführen, bedarf es zahlreicher Ergänzungen und vor allem einer auffüllenden Instrumentation, wie dies bereits 1971 Fritz Racek für die Wiener Festwochen getan hat.

Mithin handelte es sich in Metzingen „nur“ um die Uraufführung der vom dänischen Komponisten Karl Aage Rasmussen (*1947) besorgten Partitur-Vervollständigung. Zwar verzichtete er glücklicherweise auf die Nachlieferung des dritten Aktes aus eigener Hand, und bei der als notwendig empfundenen ergänzten Ouvertüre beschränkte er sich auf ein Pasticcio von Passagen aus einzelnen Nummern. Doch der Versuch, sich Schubert stilistisch vorsichtig zu nähern, will auch nach jener Aufführung vor 15 Jahren nicht recht überzeugen, da Rasmussens Instrumentation selbst einen fragmentarischen Eindruck hinterlasst (ohne die bei Schubert so typischen Gegenstimmen in den Bläsern oder wiederkehrenden Klangfarbenwechsel). Ein Jammer um all die schönen originalen Melodien und intendierten Harmonien – Brian Newbould hat schon in den 1980er Jahren für die Sinfonien gezeigt, wie man mit stilsicherem Gespür das Notierte realisieren kann.

Dass es 2006 dennoch ein großer, interessanter Abend war, ist vor allem den glänzend vorbereiteten und stimmlich flexibel agierenden Solisten wie auch dem von Frieder Bernius geleiteten Chor und Orchester zu verdanken. Akustisch nachbearbeitet und 2008 erstmals als „World premiere recording“ veröffentlicht, ist die CD nun nach etwas mehr als zehn Jahren mit verändertem Cover und neuer Produktnummer bescheidener geworden, konnte aber natürlich das inzwischen aufgefundene Libretto für die gesprochenen Texte nicht integrieren.


Franz Schubert: Sakontala D 701, Entwürfe und Skizzen zu einer Oper, rekonstruiert von Karl Aage Rasmussen (1820/2005)
Simone Nold (Sopran), Donát Havár (Tenor), Martin Snell (Bass), Konrad Jarnot (Bariton), Stephan Loges (Bassbariton) Kammerchor Stuttgart, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Frieder Bernius

Carus 83.509 (2006)

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