3. April 2025 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Denny Zeitlin: Remembering Miles (2019)

Eine ganze Scheibe voll mit Neuinterpretationen von Stücken des Trompeters Miles Davis. Transformiert als Standards aufs Klavier solo. Wobei man die Originale schon ein bisschen unter der Verarbeitungstechnik des Pianisten suchen muss – oder darf. Da löst sich die Musik in den Stücken auf, zerstäubt sich in alle musikalische Winde, setzt sich wieder (neu) zusammen. Gewitzt könnte man sagen und die Sache hochhängen: Alles Dekonstruktion. Das stimmt aber nicht. Die Zeitlin-Poetik überformt die Originale und macht aus ihnen eben Eigenes. Das ist wunderbar gespielt. Zeitlinstones für 2019. Denny Zeitlin: Remembering

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Rainer Böhm + Norbert Scholly: El Movimiento del Gato Negro [2019]

Erstaunlich gut mischen sich Klavier- und Gitarrenklang beim Zusammenspiel von Rainer Böhm und Norbert Scholly. Klar, beides sind Saiteninstrumente – damit ähnlich, das eine Instrument gehämmert, das andere gezupft. Aber die Gefahr liegt da nur einen fingernagelbreit entfernt. Die Klangfarben können sich beißen. Könnten sie. Tun sie hier nicht. Sie verschmelzen sogar wunderbar wie auf dem unisono beginnenden Hochgeschwindigkeits-Stück Train Game (Track 2). Groß ebenfalls, welche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten den beiden im Duo offenstehen. Lyrisch-substanziell bei “Unstet” (Track 3), irrend-rhythmisch bei „El Movimento del Gato Negro“ (Track 4), hymnisch bei

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Håkon Kornstad Trio: Im Treibhaus [2019]

Skandinavischer Jazz trifft auf romantische Opern- und Liedliteratur. Ohne Vorhang, ohne Inszenierung, nur mit drei Musikerinnen in der nicht gerade verbreiteten Besetzung aus Blasinstrument, Akkordeon und Kontrabaß. Eine Musi-Besetzung, geeignet auch für ein Tingeln durch Wirtshäuser, Cafés, städtische Transportmittel oder Wohnzimmer. So klingt es dann auch, schmusig, offenporig, warm und geschmeidig. Dabei natürlich virtuos im Detail. Geschmackvoll, wie Kornstad die Arien singt, offensichtlich ausgebildet als ein Opernsinger versteht er sich am Saxophon in jazztypischer Phrasierung. Die Freiheiten, die sich das Trio nimmt, um beispielsweise „Di tu se fedele“ (Verdi) einzuleiten,

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Modern String Quartet: The Rite Of Swing [2019]

Was für ein großartiger Titeleinfall. Das schon mal vorab. Das Modern String Quartet (MSQ), das mittlerweile auch schon auf eine über 30-jährige Ensemblegeschichte zurückblicken kann, adaptiert Musik zweier der bedeutendsten Komponisten des letzten Jahrhunderts: Igor Strawinsky und Duke Ellington. Die Version von Strawinskys „Le Sacre du Printemps – The Rite of Spring“ durch das MSQ ist gewagt und wirkt zunächst erstaunlich: Geht das? Versionen für Klavier solo oder zwei Klaviere kennt man ja. Aber da das Klavier, wie wir spätestens seit Hindemith wissen, ein Schlaginstrument ist, hat man sich daran

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Don Byron, Aruán Ortiz: Random Dances and (A)tonalities [2018]

Gar kammerlich bekümmerte Kammermusik im Bereich der komponiert improvisierten Musik. Das Duo Don Byron und Aruán Ortiz baut sich sein Universum aus wenigen Elementen pro Stück zusammen. Mal einfach Tonrepetitionen im Klavier, um die herum sich weniges ereignet. Oder wie in „Joe Btfsplk“ klopft es sehr reduziert im tiefen Klavierregister. Es ist wunderbar, wie leicht man den Stücken folgen und mitempfinden kann. Überwältigend in der Art und Weise der Zurücknahme. Man muss diese Art des Musizierens einfach lieben. Höhepunkt an Bereitschaft zur Klingbarmachung der Track „Arabesques of a Geometrical Rose

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Clemens Christian Poetzsch: Remember Tomorrow [2019]

Ja, was denn nun? In seiner Reihe „Neue Meister“ erschien bei Edel dieses 13teilige Werk von Clemens Christian Poetzsch. Klavier solo mit Nachbearbeitung, vom Prinzip her wie bei Francesco Tristano (kürzlich besprochen). Und der Zufall will es gar, dass es hier einen Track gibt, der auf Tokio sich bezieht (Tokio Nights). Das steht dann im Kontrast zu „Neon Leipzig“. Wortwahlproblem: Kontraste im herkömmlichen Sinn sind dieser Musik fern. Das Grundtempo ist: „Langsam“ und damit ist man ganz der Entschleunigungsmode verpflichtet. Was noch resttänzerisch erscheint, wirkt wie hinter einem Schleier aus

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Ein CD-Cover von Musik Tristanos

Francesco Tristano: Tokyo Stories [2019]

Ein Besuch in Tokyo inspirierte wohl zu diesem Solo-Album mit Gästen wie Michel Portal oder Hiroshi Watanabe. Auf 16 Tracks düstert es in Moll und Moller. Dabei kommt die Musik nicht einmal aus dem sonst gerne in dunklen Graufarben wabernden norwegischen oder im weiteren Sinne skandinavischen Ensembles. Tristanos Musik changiert zwischen Klaviertradition und typischer Jazz-Idiomatik. Das klingt einfach sehr … einfach im besten Sinn. Dabei ist es aber eben mehr als man es vielleicht vermuten würde, wenn man Tristano auch der Neoklassik-Szene zuordnen würde. Frage: Gibt es da so etwas

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You Don't Know the Life: Jamie Saft, Steve Swallow, Bobby Previte [2019]

Jamie Saft: You Don’t Know the Life [2019]

Lässig-chaotisch kommt das Trio um Jamie Saft auf die Platte. Selten wirken konstruktiv-kompositorische Einfälle im Jazz so einleuchtend, auch wenn sie alles andere als „geradlinig angelegt sind. Die bisweilen gewagt irrealen Arrangements des Trios kommen hintenrum ums Gehirn und finden ihre analytischen Empfindungspunkte. Sagt man so? Man könnte auch einfach sagen: Das kommt voll elastisch rüber. Was kantig wirkt, ist weich, die Ecken sind rund – und umgekehrt! Ist natürlich dem gummiartigen Tonfall der Hammond Orgel zu danken, die bei Saft aber weniger als Instrument mit musikgeschichtlichem Ballast angetönt wird

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CD Coverbild

Phraim: Phraim [2019]

Kammermusikalisch intimes Musizieren mit leicht herben Nebentönen auf einem Bett geschickt balancierter Arrangements. Mit einer Sängerin dabei, die ziemlich elegant herüberklingt ohne Künstlichkeit. Naja, aber eben alles doch artifiziell, nicht zuletzt auch durch die Tatsache, Aussparungen zu machen, die Einzelstimmen auch im akustischen Raum präzise zu platzieren (Track: Decent). Sehr gut produziert. Virtuos auch der Umgang miteinander im Unisono (Track: Sexual Redemption). Nina Reiter modelliert ihre Stimme in feiner Gesangsarbeit, die immer auf den Punkt kommt, wie im Duo mit Domenic Landolf an der Bassklarinette (Track: I Am Plant). Bunt,

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Chris Gall: Room Of Silence (Piano Solo)

Chris Gall: Room Of Silence (Piano Solo)

Düsterdiebüster. Ein Raum der Stille ist aber auch wirklich schnell gefüllt. Dazu reicht auch ein ein mezzopiano-gespieltes Piano in der Ecke eines Aufnahmestudios. Silence ist aber nicht nur ein physikalische Begriff von Stille, sondern auch ein psychologischer – danach kann die Verdrängung des gewöhnlichen Tongemisches ausreichen. Freilich funktioniert es weniger, wenn das eine nur das andere ersetzt. Beim Spiel von Chris Gall schwankt man da hörend. Zwischen dem Läppischen, dem zarten Klanghauch, dem molligen Wohlton und dem bedeutungsvollen Piepsen (im übertragenen Sinn). Schön wirds, wo Gall mit einer grazilen Simplizität

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Rainer Böhm: Hýdōr (Piano Works XII)

Rainer Böhm: Hýdōr (Piano Works XII)

Karges Klavierspiel bedeutet nicht Unterkomplexität oder Einfallslosigkeit. Ganz sicher bei Rainer Böhm sowieso nicht. Unter Hýdōr sind 13 maximal 6-Minüter. Gleich die beiden Studies zu Beginn, tun wohl, sind in ihrer Struktur sofort aufschließbar, so dass man sich auf der Stelle mit der improvisatorischen Arbeit auseinandersetzen kann. Toll gemacht. Das gilt über den Rest der Platte ebenso, wenngleich die Kompliziertheit der Ideenentwicklung verschiedene Niveaus erreicht. Wo alles so offengelegt wird, spürt man dann genau so Abstufungen bei weniger tragenden Ideen wie in „Badi Bada“. So gewinnt man aber auf der

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Keith Jarrett: La Fenice

Keith Jarrett: La Fenice [2006]

Man weiß nicht so genau, was noch in den Archiven von ECM schlummern mag, aber da scheint es ja in Sachen Jarrett kaum ein Ende zu geben. Nun also eine Aufnahme aus dem „Gran Teatro La Fenice“ in Venedig. Man schreibt das Jahr 2006. Und Keith Jarrett schreibt eine weitere Improvisation. Von den langen improvisatorischen Gleisen der 70er bis 90er Jahre hat er sich längst entfernt. Sein Soloabend ist dokumentiert auf zwei CDs und besteht aus acht „Parts“ und vier Standards; insgesamt 97 Minuten. Wie schon in anderen Solo-Aufnahmen nach

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