14. August 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Carl Friedrich Abel – Gambensonaten

Carl Friedrich Abel – Gambensonaten
Carl Friedrich Abel – Gambensonaten
Dem feinsinnigen 18. Jahrhundert entstammen viele Landschaftsbilder, bei denen kleine Szenen im Vordergrund das angenehme Leben zeigen, während Stadt, Arbeit und Stress oft nur im Hintergrund erscheinen. Diesen Aufbau wählte auch Thomas Gainsborough (1727–1788) für sein Gemälde Wooded Landscape with a Peasant Resting. Ein Wanderer hat es sich unter den teilweise schon spätsommerlich eingefärbten Bäumen bequem gemacht. Sein Blick geht leicht verträumt – oder auch nur müde – in die Kronen. Unter ihm liegen satt stehende Felder und eine kleine Stadt, deren bedeutender Kirchturm als leuchtende Landmarke dient. Am Himmel aber türmen sich dunkelgraue Wolken. Ein Gewitter ist gerade abgezogen – so wie später auch in Beethovens Sinfonie Nr. 6, der «Pastorale».

Werbung

Das Bild ist für das Cover glücklich gewählt, denn Thomas Gainsborough porträtierte auch Carl Friedrich Abel (1723–1787) mit einer Viola da gamba (das Gemälde ist im Booklet abgebildet, leider nur in Schwarz-Weiß). Damit wird dann auch dieses vorzügliche Album selbst erreicht. Lange schien es so, als wären aus Abels reichen kompositorischen Schaffen nur jene Sonaten überliefert, die als Lehrstücke für Schüler bestimmt waren. Seit 2010, 2014 und 2015 sind allerdings handschriftliche Sammlungen zugänglich bzw. aufgefunden worden, die den in London (und als Impressaro gemeinsam mit Johann Christian Bach) wirkenden weitaus vielfältiger in der Erfindung zeigen. Es handelt sich um herausragende Sonaten «zwischen den Epochen». Die Viola da gamba klingt dabei als Instrument sehr persönlich, beinahe intim, verschwand aber mit den kulturellen und ästhetischen Umbrüchen sowie dem sich wandelnden Gefüge der Gesellschaft um die Wende zum 19. Jahrhundert nahezu vollständig. Die Produktion steht sowohl interpretatorisch als auch akustisch auf höchstem Niveau: Paolo Pandolfo und das ihn begleitende Ensemble lassen die Rhetorik und das Sentiment der Musik ohne verschleiernde Manierismen lebendig werden.

Werbung

A Sentimental Journey
Carl Friedrich Abel. Sonaten D-Dur A2:50, a-Moll A2:57a, A-Dur A2:53, D-Dur A2:75, g-Moll A2:56a, G-Dur A2:72, e-Moll A2:7; Thema & Variationen aus Sonate D-Dur A2:67
Paolo Pandolfo (Viola da gamba), Amélie Chemin (Violoncello, Viola da gamba), Andrea Buccarella (Hammerklavier, Cembalo), Thomas Boysen (Laute)

Glossa GCD 920418 (2020)

HörBar #193 – Bäume im Sommer

Beauté Barbare – François Lazarevitch

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

    View all posts
hoerbar_nmz

Der HörBar-Newsletter.

Tragen Sie sich ein, um immer über die neueste Rezension informiert zu werden - entweder täglich oder mit den Rezensionen der vergangenen Woche am Sonntag.

Liste(n) auswählen:
DSGVO-Abfrage* 

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

This entry is part 4 of 4 in the series HörBar #193 – Bäume im Sommer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.