12. August 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Beauté Barbare – François Lazarevitch

Beauté Barbare – François Lazarevitch
Beauté Barbare – François Lazarevitch
Manche gemalten Bilder kommen einem Foto gleich (und das nicht erst seit dem Fotorealismus), manche Fotos wirken dagegen wie gemalt. So auch bei diesem Cover, das eine Aufnahme von Yevgen Timashov aus den Karpaten zeigt. Solitär ragt eine Birke aus einem unberührten Mischwald heraus. Dessen tiefes, schwarzgrünes Dunkel stellt eine fast bedrohliche Kulisse dar, wie sie Goethe viel weiter westlich in seiner Harzreise beschrieb. Die Sonnenstrahlen lassen den hellen Stamm signalartig klar hervortreten, die Baumkrone erstrahlt in den goldenen Farben der aufgehenden Sonne. Ein Bild aus dem ukrainischen Teil der historischen Landschaft Galizien – in diesen Tagen, Monaten und Jahren auch ein Bild mit großer symbolischer Kraft.

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Der Baum ziert ein in jeder Hinsicht faszinierendes Album, das sich nicht ohne Weiteres in eine Schublade stecken lässt. Es gehört aber fraglos zu jenen Produktionen, bei denen die Kuratierung nicht auf dem eingeschlagenen Weg ermüdet. Vielmehr begibt sich François Lazarevitch mit seinen Flöten und dem Ensemble Les Musiciens de Saint-Julien auf eine historische, kulturelle und vor allem musikalische Spurensuche im Osten Europas. Ausgangspunkt ist Georg Philipp Telemann, der 1705 auf einer Reise durch Oberschlesien einer Musik begegnete, die er später als «barbarische Schönheit» bezeichnete, und den vielen anonymen Musikern auf dem Land mit liebevollen Komplimenten ein Denkmal setzte. Hier lernte Telemann auch polnische und hanakische (aus Mähren stammende) Musik kennen und lieben, wickelte später gar dies und das «in einen italienischen Rock» ein. François Lazarevitch geht nun Schritt vor wie auch zurück, indem er Volksweisen neu arrangiert und belebt sowie Telemanns Partituren folkloristisch in dessen Zeit zurückversetzt. Das ist kein Widerspruch, sondern eine spürbar liebevolle Annäherung aus einer neuen Richtung, gespielt mit höchster Virtuosität, tiefem Respekt und einer klingenden Sehnsucht – vor allem aber ohne schmierige Sensationslust.

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Beauté Barbare
Mélodies traditionnelles de Pologne (Pozic mamo roz; Światówka); Suite du Manuscrit Uhrovska & Chanson traditionnelles de Pologne; Georg Philipp Telemann. «Les Moscovites» aus: Ouvertüren-Suite TWV 55:B5; «Les Janissaires» aus: Ouvertüren-Suite TWV 55:D17; «Mezzetin en Turc» aus: Ouvertüren-Suite TWV 55:B8; «Rondeau Hanacoise» aus: Ouvertüren-Suite TWV 55:E2; Konzert für Flöte und Streicher TWV 51:D2; Chanson traditionnelles de Pologne (Nisko slonko); Georg Philipp Telemann. Allegro aus Trio h-Moll TWV 42:H2; «Hora din caval» (Mélodies traditionnelles de Roumanie); Adagio aus Concerto polonoise TWV 51:D3; Presto aus: Trio Trio h-Moll TWV 42:H2; Suite du Manuscrit Uhrovska; Georg Philipp Telemann. Suite of two Hanacs TWV 45; Hanaskÿ TWV 55:E1; Chanson traditionnelles de Slovaquie (Vešelo Se Dzivce); Georg Philipp Telemann. Polonie
Les Musicienes de Saint-Julien, François Lazarevitch

Alpha ALP 949 (2022)

HörBar #193 – Bäume im Sommer

Carlo Tessarini – Concerti & Sinfonie

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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