John Cage – Choral WorksJames Pritchett stellt in seinem knapp gefassten , aber dennoch einen guten Einstieg vermittelnden Booklet-Essay gleich zu Beginn die entscheidende Frage: Gehen «Cage» und »Chormusik» überhaupt zusammen? Pritchett denkt dabei vor allem von Cages Unwohlsein gegenüber Traditionen und seine späte Entscheidung, überhaupt etwas für Chor zu schreiben. Sicherlich eine naheliegende Perspektive, und doch eröffnet gerade dieses vorzügliche Album mit dem lettischen Rundfunkchor noch eine andere Sichtweise. Das betrifft zunächst die Hymns and Variations (1979) für zwölf Stimmen. Ausgangspunkt sind zwei alte Hymnen aus dem New-England Psalm-Singer von 1770, aus deren Satz in jeweils fünf Variationen einzelne Noten ausgelesen und / oder gedehnt werden – mit erstaunlich dürren Harmonien und neuen musikalische Momenten.
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Hier wie auch in den in der Besetzung offen konzipierten Kompositionen stellt sich allerdings die Frage, ob der Stimmensatz (historisch noch weiter zurückgehend) nicht auch von einem Gambenconsort übernommen werden könnte; zugleich werden die einzelnen Töne und Klänge von den Sänger:innen aus Riga so klar und präzise hervorgebracht, dass sie einer elektronischen Studie aus den frühen 1950er Jahren entstammen könnten. Die sehr nah und kammermusikalisch eingefangene Aufnahme bildet einen Kontrast zu den anderen, viel weiträumiger eingefangenen Stücken – wobei Five (1988) wie ein in sich bewegender Cluster erscheint, Four6 hingegen für die Singstimmen in faszinierender Weise adaptiert wird – mit verschiedenen Intensitäten des Atems, Stimmgeräuschen, Tönen und einer Reihe imitierten Tierlaute. Eine für mich absolut verblüffende, fast haptisch greifbare Interpretation, die auch für die unglaubliche Flexibilität und das herausragende Niveau des Ensembles steht.
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John Cage. Choral Works
Five (1988); Hymns and Variations (1979); Four2 (1990); Four6 (1992)
Latvian Radio Choir, Sigvards Klava Ondine ODE 1402-2 (2007, 2020)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.