16. April 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Song Transcriptions – Rudolf Buchbinder

Song Transcriptions – Rudolf Buchbinder
Song Transcriptions – Rudolf Buchbinder
Ein Album, das an die guten alten Zeiten bei der Deutschen Grammophon erinnert, als nicht nur die Standards des Repertoires und absehbare Kassen-Knüller produziert wurden, sondern auch manch abseits des Weges liegendes Werk. Nachdem Rudolf Buchbinder bereits Beethovens Diabelli-Variationen eingespielt und nochmals erweitert hat, sind es nun die vier Hefte mit Transkriptionen, die Max Reger von Brahms-Liedern angefertigt hat. Eigentlich eine Gelegenheitsarbeit aus den Jahren 1905/06 und 1912, mit der Reger allerdings eine ganz andere Form der Virtuosität aufzeigen wollte – nämlich die Kunst, am Klavier instrumental zu singen, wie er in einem Brief an seinen Verleger notierte: «Transkriptionen mit „brillanten“ Passagen verbrämt, wer es nicht; an solchen Meisterwerken ist jede Verbrämung oder „Verbrillantisierung“ ein unerhörter Vandalismus! Ich werde das ganz anders machen: nämlich mit entsprechender „Herausarbeitung“ der Gesangsstimme und nach Möglichkeit immer getreuester Beibehaltung der Originalbegleitung!»

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Ganz in diesem Sinne eröffnet im Booklet das kurze Statement von Buchbinder: «Singen am Klavier – Sehnsucht und lebenslanges Streben des Pianisten.» Es sind keine leeren Worthülsen. Denn in seinen Interpretationen zeigt hier ein Altmeister, wie poetisch sich Linien und Harmonien entfalten lassen. Und denke ich einmal um etwas mehr als vier Jahrzehnte zurück, dann war es wohl genau diese Idee einer musikalischen Gestaltung, die mich an Buchbinders Einspielung der Beethoven-Sonaten faszinierte (damals freilich noch unbewusst). Auch ohne Worte atmen unter seinen Händen die Transkriptionen und entfalten in ihrer Kürze herrliche Stimmungsbilder, wie man sie in den im 19. Jahrhundert als Dutzendware produzierten Charakterstücke kaum findet (Brahms’ späte Intermezzi etc. sind in der Struktur komplexer und damit nicht vergleichbar). Der verwendete Steinway klingt bei Buchbinder erstaunlich warm – und doch hätte ich mir bei diesen Nummern eher einen Wiener Bösendorfer vorstellen können. Die in vier Heften publizierten 28 Lieder werden in einer anderen, gleichwohl stimmigen Reihenfolge angeordnet.

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Brahms / Reger. Song Transcriptions
Johannes Brahms (Arr. Max Reger). Liebestreu op. 3/1; Der Schmied op. 19/4; An die Nachtigall op. 46/4; Sonntag op. 47/3; Am Sonntagmorgen op. 49/1; An ein Veilchen op. 49/2; Wiegenlied op. 49/4; Minnelied op. 71/5; Alte Liebe op. 72/1; Sommerabend op. 84/1; Vergebliches Ständchen op. 84/4; Waldeseinsamkeit op. 85/6; Feldeinsamkeit op. 86/2; Nachtwandler op. 86/3; Über die Heide op. 86/4; Sapphische Ode op. 94/4; Der Jäger op. 95/4; Der Tod, das ist die kühle Nacht op. 96/1; Wir wandelten op. 96/2; Nachtigall op. 97/1; Dort in den Weiden op. 97/4; Wie Melodien zieht es mir op. 105/1; Immer leiser wird mein Schlummer op. 105/2; Auf dem Kirchhofe op. 105/4; Ständchen op. 106/1; Salamander op. 107/2; Das Mädchen spricht op. 107/3; Mädchenlied op. 107/5
Rudolf Buchbinder (Klavier)

Deutsche Grammophon 486 4842 (2023)

HörBar #185 – Arrangement & Co.

Tristan und Isolde – Solistenensemble D’Accord

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

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This entry is part 3 of 3 in the series HörBar #185 – Arrangement & Co.

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