Reinventions – Orchestra di PadovaObwohl bereits 2022 aufgenommen, erscheint dieses Album nun pünktlich zum 100. Geburtstag von Hans Werner Henze (1926–2012). In den drei Werken mag man auf den ersten Blick vielleicht Marginales sehen. Doch zeigen die Partituren nach Werken von Giovanni Battista Vitali, Wolfgang Amadeus Mozart und Carl Philipp Emanuel Bach eine Seite von Henze, die allzu leicht übersehen wird – seine Liebe zur «Alten Musik». Was hier unter dem Motto Reinventions zusammengefasst wurde, folgt allerdings unterschiedlichen kompositorischen Strategien: Mozarts Orgelsonaten wurden in eine zyklische Folge gebracht und neu instrumentiert, CPE Bachs Chromatische Fantasie nahezu romantisch und mit Solo-Flöte interpretiert, die Chaconne von Vitali(?) aber auch in einen eigenen Klangvorhang eingepasst.
Werbung
Dennoch kommt der Produktion eine eher dokumentarische Bedeutung zu. Das liegt nicht an Henzes Bearbeitungen und Transkriptionen, sondern an der etwas hemdsärmeligen Realisierung durch das Orchestra di Padova e del Veneto unter Marco Angius. Die satte Süffigkeit, mit der Vitalis Chaconne dargeboten wird, erinnert ein wenig an wesentlich ältere Instrumentationen und Aufnahmen, bei denen ebenfalls musikalische Muskeln gezeigt werden (Leopold Stokowski). Auch wenn die Partitur bereits 1977 arrangiert wurde, so sollte eine heutige Umsetzung nicht gänzlich an den inzwischen wiederaufgelebten aufführungspraktischen Erkenntnissen vorbeigehen, die sich in manchen Grundzügen auch generalisieren lassen. Dem kaum durchhörbaren Klangbild stehen die im Solo präsenten Mozart-Sonaten (auch unter der Mitwirkung einer Gitarre) akustisch entgegen; bei der CPE-Fantasie kommt wieder die ahistorisch-historisierende Sicht ins Spiel. Das Label sollte bei der Auswahl seiner vorwiegend italienischen Musici ein glücklicheres Händchen walten lassen.
Werbung
Hans Werner Henze. Reinventions
Il Vitalino raddoppiato; Drei Mozart’sche Orgelsonaten; I Sentimenti di Carl Philipp Emanuel Bach
Anna Tifu (Violine), Mario Caroli (Flöte), Emanuela Battigelli (Harfe), Orchestra di Padova e del Veneto, Marco Angius Brilliant Classics 97077 (2022)
Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.