
Ganz in diesem Sinne eröffnet im Booklet das kurze Statement von Buchbinder: «Singen am Klavier – Sehnsucht und lebenslanges Streben des Pianisten.» Es sind keine leeren Worthülsen. Denn in seinen Interpretationen zeigt hier ein Altmeister, wie poetisch sich Linien und Harmonien entfalten lassen. Und denke ich einmal um etwas mehr als vier Jahrzehnte zurück, dann war es wohl genau diese Idee einer musikalischen Gestaltung, die mich an Buchbinders Einspielung der Beethoven-Sonaten faszinierte (damals freilich noch unbewusst). Auch ohne Worte atmen unter seinen Händen die Transkriptionen und entfalten in ihrer Kürze herrliche Stimmungsbilder, wie man sie in den im 19. Jahrhundert als Dutzendware produzierten Charakterstücke kaum findet (Brahms’ späte Intermezzi etc. sind in der Struktur komplexer und damit nicht vergleichbar). Der verwendete Steinway klingt bei Buchbinder erstaunlich warm – und doch hätte ich mir bei diesen Nummern eher einen Wiener Bösendorfer vorstellen können. Die in vier Heften publizierten 28 Lieder werden in einer anderen, gleichwohl stimmigen Reihenfolge angeordnet.
Brahms / Reger. Song Transcriptions
Johannes Brahms (Arr. Max Reger). Liebestreu op. 3/1; Der Schmied op. 19/4; An die Nachtigall op. 46/4; Sonntag op. 47/3; Am Sonntagmorgen op. 49/1; An ein Veilchen op. 49/2; Wiegenlied op. 49/4; Minnelied op. 71/5; Alte Liebe op. 72/1; Sommerabend op. 84/1; Vergebliches Ständchen op. 84/4; Waldeseinsamkeit op. 85/6; Feldeinsamkeit op. 86/2; Nachtwandler op. 86/3; Über die Heide op. 86/4; Sapphische Ode op. 94/4; Der Jäger op. 95/4; Der Tod, das ist die kühle Nacht op. 96/1; Wir wandelten op. 96/2; Nachtigall op. 97/1; Dort in den Weiden op. 97/4; Wie Melodien zieht es mir op. 105/1; Immer leiser wird mein Schlummer op. 105/2; Auf dem Kirchhofe op. 105/4; Ständchen op. 106/1; Salamander op. 107/2; Das Mädchen spricht op. 107/3; Mädchenlied op. 107/5
Rudolf Buchbinder (Klavier)
Deutsche Grammophon 486 4842 (2023)
