11. August 2026 nmz – HörBar – unabhängig / unbestechlich / phonokritisch

Carlo Tessarini – Concerti & Sinfonie

Carlo Tessarini – Concerti & Sinfonie
Carlo Tessarini – Concerti & Sinfonie
Gemälde aus dem 18. Jahrhundert wecken schnell eine Italien-Sehnsucht. Dabei sollte man sich jedoch bewusst machen, dass es sich bei den schönen Landschaften aus dem Süden zumeist um idealisierte Bilder handelt, die zwar nach Skizzen, jedoch sehr frei zusammengefügt und interpretiert wurden. Ein Beispiel ist die Landschaft mit Brücke und Blick auf den Monte Sarchio aus dem Jahr 1792, die von dem aus Prenzlau (Nordbrandenburg) stammenden Jacob Philipp Hackert (1737–1807) gemalt wurde. Über ihn publizierte Goethe 1811 eine Biografie (zuvor hatte er Hackert zur Übersendung eigener Erinnerungen aufgefordert). Auch hier trügt der Schein. Das Bild ist für das Cover am rechten Rand um etwa ein Viertel beschnitten und weder die Brücke noch der Baum bilden ursprünglich die Spiegelachse. Es gibt jedoch auch eine frühere Version aus dem Jahr 1791 mit weniger optischer Tiefe, einem kantigeren Stamm und einem herbstlich gelb eingefärbten Baum. Vor allem ist dort die rechte Bildhälfte anders aufgebaut.

Werbung

Man sollte also eher an die Jahre von Joseph Haydn in London denken, während die auf dem Album eingespielten Werke zwischen 1724 und 1762 zu datieren sind (erfreulicherweise werden die zugrunde liegenden Ausgaben und Manuskripte nachgewiesen). Es bleibt ein Rätsel, warum Komponisten wie Carlo Tessarini (ca. 1690–1767, im Booklet sind falsche Lebensdaten angegeben) so selten gespielt werden. Mehr als bei Vivaldi sind bei ihm bereits elegantere Töne und komplexere Verläufe zu hören. Über Tessarinis Biografie ist allerdings nur wenig bekannt. Nach vielen Jahren in Venedig nahm er 1733 eine Anstellung in Urbino an, die ihm offenbar die Freiheit zu ausgedehnten Konzertreisen gab – unter anderem nach Paris, Holland und England (ca. 1744–1750) sowie erneut nach Holland (ab 1757). Zuletzt verliert sich seine Spur… Eine Spurensuche stellt auch diese gelungene Produktion dar. Sie wurde bereits 2003 mit berückender Zeitlosigkeit eingespielt, erschien 2004 erstmals bei Symphonia (mit anderem Cover), war dann vergriffen, wurde 2021 neu aufgelegt – und ist heute wieder vergriffen. Es lohnt sich aber unbedingt, nach dem Album Ausschau zu halten.

Werbung

Carlo Tessarini. Contrasto Primo D-Dur; Concerto a cinque e-Moll op. 1/1; Grand sinfonie Terza F-Dur; L’arte di nuova modulacione; Concerto a cinque D-Dur op. 1/4; Concerto a cinque D-Dur; Grand sinfonie Quinta G-Dur
Pan Classics PC 10426 (2003)

HörBar #193 – Bäume im Sommer

Bernhard Romberg – Raphael Wallfisch

Autor

  • Michael Kube

    Dr. Michael Kube, geb. 1968 in Kiel, studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde. Promotion mit einer Arbeit über Hindemiths frühe Streichquartette (1996), Habilitation mit Studien zu einer Kulturgeschichte des Klaviertrios (2016). Seit 1998 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen), seit 2002 zudem Mitglied der Editionleitung. Er ist seit 2007 Kuratoriumsmitglied (und seit 2013 Vorsitzender) der Stiftung Kulturfonds der VG Musikedition.

    View all posts
hoerbar_nmz

Der HörBar-Newsletter.

Tragen Sie sich ein, um immer über die neueste Rezension informiert zu werden - entweder täglich oder mit den Rezensionen der vergangenen Woche am Sonntag.

Liste(n) auswählen:
DSGVO-Abfrage* 

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

This entry is part 2 of 2 in the series HörBar #193 – Bäume im Sommer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.