
Doch auch Anne Sofie von Otter kann als Chansonière nicht überzeugen. Ein Beispiel ist der Filmschlager „Heut’ Abend lad’ ich mir die Liebe ein” aus dem Jahr 1939 von Nico Dostal, der auf der Liste der „Gottbegnadeten” stand. (War da nicht was mit Kabarett, gar Exil?). In der Neueinspielung wird eher der Duktus eines Chansons aus dieser Zeit imitiert als eigenständig interpretiert. Man ahnt es schon beim ersten Ton: Es soll in die Richtung von Marlene Dietrich und vor allem Zarah Leander gehen, doch das Ansinnen wird zur unauthentischen Marotte. In einer Zeit, in der man rasch das «Original» sich heraussuchen kann, möchte ich dann doch mehr Eigenständigkeit, mehr Authentizität und mehr Gegenwart hören statt eine Verklärung der Vergangenheit. Da machen die Eisler- und Weill-Songs keinen Unterschied. Auch das Salon-Ensemble des Orchesters der Komischen Oper Berlin klingt im Vergleich zu den Kollegen aus früheren Zeiten spröde und wie an ein strenges preußisches Metronom gebunden. Mich lässt das bei aller Vorfreude vollkommen ratlos zurück.
Anne Sofie von Otter. Berlin! Berlin! Berlin! (Kabarett und Exil)
Nico Dostal. «Heut‘ Abend lad‘ ich mir die Liebe ein»; Friedrich Hollaender. Illusions; «Keiner weiß, wie ich bin, nur Du»; Michael Jary. Der Onkel Jonathan; Oui, Madame; Günter Neumann. »Ach, wie schön, man singt immer tiefer»; Rolf Marbot. Vorbei; Hanns Eisler. Über den Selbstmord; An den kleinen Radioapparat; Das «Vielleicht»-Lied; Kurt Weill. Marterl; Lothar Brühne. «Kann den Liebe Sünde sein»; «Der Wind hat mir ein Lied erzählt»; Peter Kreuder. «Musik! Musik! Musik!»; Peter Fenyes. «Merci, mon ami, es war wunderschön»; Franz S. Brunier. Marion-Tango; Mischa Spoliansky. «Leben ohne Liebe kannst du nicht»
BIS Records BIS-2827 (2025)
